Eine prophylaktische Brustamputation (wie Angelina Jolie) – ist das sinnvoll?

Die Welt hatte vor wenigen Wochen eine neue Sensation, über die man seitdem lebhaft diskutiert: Der Hollywood-Star Angelina Jolie hat sich beide Brüste prophylaktische entfernen lassen (und durch Imitate ersetzen lassen). Der Grund: ein mutiertes BRCA1 und BRCA2 Gen, welches sie von ihrer Mutter geerbt hat, die in relativ jungen Jahren selbst an Brustkrebs verstorben war. Mit diesen Mutationen erhöht sich das Brustkrebsrisiko um das Doppelte, was natürlich jedem (der 1 und 1 zusammenzählen kann), ungeheuer vorkommen muss.

Die Frage, die ich von einigen Lesern gestellt bekam: Ist ein solch radikaler Schritt wirklich notwendig?

Ist ein Mensch mit BRCA1 und 2 praktisch zum Tode verurteilt, wenn diese Gene nicht so aufgestellt sind, wie sich das gehört? Oder ist alles nicht so schlimm, so dass Frau Jolie sich eventuell nur aus PR-Gründen hat operieren lassen, wie manche behaupten?

BRCA1 und 2 sind sogenannte „Brustkrebsgene“ (breast cancer). Diese beiden Gene kodieren zusammen mit einem weiteren Gen (RAD51) Proteine, die miteinander interagieren. Ziel der Interaktionen der Proteine ist, geschädigte DNA zu reparieren. Diese Schädigungen entstehen zum Beispiel durch freie Radikale, ionisierende Strahlungen (die freie Radikale bilden) oder bei Unterbrechungen und Störungen bei der Zellteilung. Fehlt eines oder beide Gene, beziehungsweise sind sie in ihrer Funktion aufgrund einer Mutation gestört, dann kommt es auch zu Störungen bei der Reparaturarbeit. Die Folge ist, dass Zellen mit einer geschädigten DNA entweder untergehen oder aber ein verändertes Programm fahren, dass in Richtung Krebs läuft. Wie wir heute wissen, ist die Schädigung der Zell-DNA eine wichtige Voraussetzung für die Entstehung von Krebserkrankungen. Aber es gibt nachgeschaltet noch eine Reihe von „Instanzen“ im Organismus, Qualitätskontrollen für junge Zellen sozusagen, die maligne Vertreter eliminieren. Die Apoptose (natürlicher Zelltod) und das Immunsystem spielen hier eine wichtige Rolle.

Aber es ist ja von Vorteil, wenn Schädigungen gar nicht erst auftreten: Denn dann hat in der Folge der Organismus auch weniger mit der Eliminierung von malignen Zellen zu tun. Nach heutigen Stand jedoch kann man gegen eine vererbte Mutation nichts ausrichten. Auf der anderen Seite garantiert die „Qualitätskontrolle“ des Organismus, dass Menschen mit dieser „Veranlagung“ nicht schon in jüngeren Jahren an Brustkrebs erkranken und sterben. Denn die Mutation ist ja vererbt und damit von der Stunde Null an wirksam. Vielleicht sollten solche Menschen diese „Qualitätskontrollen“ stärken, damit der Eliminationsprozess von malignen Zellen optimiert und damit das Risiko für eine Krebserkrankung gesenkt würde?

Dies wäre für mich die „bessere“ Alternative – im Vergleich zu einer radikalen Brustamputation (auf medizinerdeutsch: Mastektomie). Denn eine Mastektomie macht aus meiner Sicht „relativ“ wenig Sinn auf der Basis der genetischen Befunde, da BRCA1 und teilweise BRCA2 auch mit einem erhöhten Risiko für Eierstockkrebs, Dickdarmkrebs und Prostatakrebs einhergeht. Das hieße jedoch, dass Frau Jolie sich konsequenterweise nicht nur die Brüste, sondern auch noch die Eierstöcke und den Dickdarm hätte entfernen lassen müssen – um noch sicherer zu sein. Und: man weiß (auch) nicht, ob das Fehlen des Brustgewebes das Risiko für Eierstockkrebs und Dickdarmkrebs erhöht.

Wenn man dann auf die Statistiken schaut, dann sieht die Welt schon gleich wieder etwas sonniger aus. Denn rund 85 Prozent der Frauen mit einem mutierten BRCA Gen, das von den Eltern vererbt worden ist, erkranken nicht an Brustkrebs. Betroffen sind eher die Geschwister der Eltern (und vielleicht deren Enkelkinder). Die Statistiken zeigen uns auch deutlich, dass paradoxerweise circa 85 Prozent der Frauen, die an Brustkrebs erkrankt sind, keinen genetischen Defekt aufweisen. Oder mit anderen Worten: Wenn die „Durchschlagskraft“ eines mutierten BRCA Gens in der Praxis so stark ist, dann wäre die Rate der Brustkrebskranken mit mutierten Genen deutlich höher als die der Erkrankten mit normalem Genmuster.

Dazu kommen dann noch eine Reihe von Studien, die gezeigt haben, dass die Gene nur eine zweitrangige Rolle bei der Frage spielen, ob jemand Krebs bekommt oder nicht. Einen Grund habe ich bereits angesprochen: Wenn die „Qualitätskontrolle“ schlecht arbeitet und der Betroffene hat eine Gen-Mutation, dann stehen die Chancen „gut“ für die Entwicklung einer Krebserkrankung. Aber nicht nur für den Brustkrebs, sondern auch für andere Formen. Da hilft auch keine operative Entfernung der Brüste.

Die Women´s Health Initiative (WIH) Studie hat zeigen können, dass nur Frauen, die eine HET (Hormon-Ersatz-Therapie) erhielten, unabhängig von ihrer genetischen Grundkonstellation ein statistisch signifikant erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Brustkrebs hatten [Hormone replacement therapy, family history, and breast cancer risk among postmenopausal women].

Während Deutschland und der Rest der Welt sich anschickt, nicht nur seine Ideen in Sachen Mode, Trend und Style von den Hollywood-Größen zu übernehmen, kommt jetzt noch die Kategorie „Medizin“ dazu. Denn wenn die Hollywood-Stars Hüte mit Propeller tragen, dann tragen wir morgen auch alle Hüte mit Propeller. Kein Wunder also, wenn die Kliniken und Universitätsinstitute sich vor Anfragen zu diesem Thema kaum noch retten können. Denn wenn ein Hollywood-Star einen solchen Schritt unternimmt, dann muss doch was dran sein (wie bei den Hüten), oder etwa nicht?

Ich würde meine Entscheidung in Sachen Medizin, Genetik und Naturwissenschaft nicht unbedingt von der Entscheidung einer Schauspielerin abhängig machen. Die Brüste zu entfernen, nur weil jemand aus Hollywood sich dazu entschieden hat, kann mit einem Schuss ins eigene Knie enden.

Und: Auch Brust-Implantate sind in Verbindung gebracht worden mit einer eher seltenen Form von Krebs, dem anaplastisch-großzelligen Lymphom. Diese Krebsform tritt bei Frauen mit Implantaten 18 Mal häufiger auf als bei Frauen ohne Implantat (siehe: Anaplastic Large Cell Lymphoma (ALCL) In Women with Breast Implants).

Fazit

Schulmedizin und Hollywood reichen sich die Hand und machen werbewirksam auf sich und den Partner aufmerksam. Das Thema bietet Anlass für „Showtime“ und wenig Gegenstand für eine ernsthafte Auseinandersetzung. Die Diskussion wird jetzt im Wesentlichen auf die Genetik reduziert, was  man unter anderem auch an den abgelieferten Ratschlägen zur Operation erkennt. Der „Spiegel“ brachte dazu einen Artikel, der sanft in die gleiche Kerbe schlug: „Dieses Gen erhöht das Krebsrisiko erheblich“ (spiegel.de/gesundheit/diagnose/brust-op-bei-angelina-jolie-viele-frauen-sind-besorgt-a-904556.html). Und der Spiegel lobt Frau Jolie dafür, dass ihre sinnlose aber medienwirksame Selbstverstümmelung hier in Deutschland endlich ein Bewusstsein für so ein gefährliches Brust-Gen herbeigeführt hat. Wenn Brad Pitt sich dann noch die Prostata… aber nein…,  das geht jetzt doch entschieden zu weit…

Zum weiterlesen: Zum Thema Brustkrebs habe ich diesen umfassenden Beitrag verfasst: www.yamedo.de/krankheiten/krebs/brustkrebs.html

René Gräber

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4 Kommentare Kommentar hinzufügen

  1. Avatar
    Klaus-Uwe Pagel

    11. Juni 2013 um 20:35

    Die Entscheidung einer Frau in einer solchen Frage ist immer zu respektieren. Das Problem fängt an, wenn Sie sich einen Grundlage für diese Entscheidung sucht. Wer informiert zutreffend? Wer informiert verständlich? Wer informiert wirklich neutral? alles, was man in solchen Fragen anführen kann, ist eine „Wahrscheinlichkeitsmedizin“, die mit Statistiken arbeitet. Niemand kennt das persönliche Risiko wirklich, da zu viele Zusatzparameter zu berücksichtigen wären. Aber statistsische Risiken können Angst machen. Angst auf Dauer ist unerträglich, dann lieber für irgendetwas entscheiden – und dann wieder mit Zweifeln leben? Meine über 30 Jahre in der Heilkunde haben mich immer wieder mit Menschen in solchen Entscheidungfragen zusammen geführt. Nur selten hat eine Etscheidung wirklich (Seelen-)Ruhe gebracht. Ein Fluch der „Wahrscheinlichkeitsmedizin“! Therapie nach Statistik – existenzielle Sorgegn und Ängste nach Statistik.

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    Nach meinen Studien haben die Gene bei weitem nicht alles zu sagen. Da gibt es nämlich noch das viel spannendere Epigenom. Dieses entscheidet nach unserer Lebensweise, ob ein Gen zum Tragen kommt oder nicht. Meist hängt es also tatsächlich von uns und unserem Verhalten ab, was in Zukunft passieren wird. (siehe auch „Der zweite Code“ von P.Spork) Womit wir wieder beim Thema Selbstverantwortung sind, die die meisten (wie gelernt) nur zu gern abgeben. Richtiger wäre also eine gesunde Lebensweise und Prävention, als solche radikalen Schritte.

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    100 Jahre Krebsforschung und noch immer kein wirklich wirkungsvolles Mittel dagegen gefunden.
    Warum das wohl so ist? Krebs hat in den meisten Fällen psychische Ursachen und kann aber auch die Folge von Medikamenten- od. Drogenmissbrauch sein, die sukzessive das Immunsystem schwächen. Hinzu kommen viele Lebensmittelzusätze, weil wir immer mehr zu Fertigprodukten greifen, anstatt
    frisches Essen selbst zuzubereit (Aspartam ist unter anderem etwas vom Schlimmsten und z.B. in vielen Getränken).
    Aber eine der Hauptursache ist die Angst, Angst vor Krankheit in welcher Form auch immer, denn der Mensch ist was er denkt!
    Menschen die ihr Leben angstfrei akzeptieren und mit Freude das beste daraus machen erkranken höchst selten an Krebs oder anderen Leiden.
    Richtige Ernährung und Verzicht auf Fertigkost sowie chemische Medikamente (ausser in wirklichen Notfällen) gehören mit zu den Voraussetzungen davon verschont zu bleiben. Ich selbst kuriere mich ausschliesslich mit pflanzlichen Mitteln, wenn es mal notwenig ist od. war.

  4. Der Angelina Jolie-Effekt – Hollywood-Verstärker für medizinisches Schauspiel - NaturHeilt.com Blog

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