Pharmakonzerne und Selbsthilfegruppen – eine fragwürdige Allianz

Wußten Sie, dass Pharmakonzerne die Selbsthilfegruppen sponsorn und zum Teil merkwürdige „Allianzen“ bilden?

Am besten beginne ich mit einem Beispiel: Nehmen wir einmal die Bisphosphonate.

Bisphosphonate stehen wegen schwerer Nebenwirkungen in der Kritik. Mag deren Verschreibung bei Knochenmetastasen akzeptabel sein, überwiegen die Risiken wie Nekrosen des Kieferknochens, wenn es um die Behandlung bei Osteoporose geht.

Trotzdem pries man jahrelang auf Kongressen und in der Zeitschrift des Dachverbandes Osteoporose die Segnungen dieser Medikamente. Hier zeigt sich das Dilemma, dem die meisten Selbsthilfegruppen unterliegen. Sie erhalten entweder Spenden von Seiten der Pharmaindustrie oder werden indirekt gesponsert durch Einladungen zu Tagungen mit Übernahme der Reisekosten.

Bereits am 28.11.2007 listete die ZEIT in ihrem online-Magazin eklatante Beispiele für die Einflussnahme der Pharmakonzerne auf:

„Mamazone“ erhält jährlich 40.000 Euro vom Unternehmen Hoffmann-La Roche, wie PR-Leiter Hans-Ulrich Jelitto der ZEIT mitteilte.

„Breast Health“ nimmt Zuwendungen von La Roche, Novartis, Pfizer und anderen Pharmafirmen. Verbandsvorsitzende Rita Rosa Martin betont, die Beratungsarbeit sei ohne deren Hilfe nicht möglich.

Beide Selbsthilfegruppen gaben übrigens gemeinsam ein „Überlebensbuch Brustkrebs“ heraus, welches La Roche an Ärzte verteilen lässt. Dessen Inhalte hält der Onkologe Wolf-Dieter Ludwig vom Berliner Helios Klinikum für eine fragwürdige Mischung aus Fakten und Arzneimittelwerbung.

Hinterfragen sollte man auch die Verschreibungspraxis von Ritalin gegen die Aufmerksamkeits-Defizit-Störung, also Hyperaktivität bei Kindern. Auf Druck der Eltern verordnen manche Ärzte das Präparat auch bei Kindern unter sechs Jahren, für die der Wirkstoff Methylphenidat nicht zugelassen ist. Dabei werfen Kritiker der Patientengruppe Juvemus die Zusammenarbeit mit der Pharmafirma Lilly vor, die ihren ADS-Leitfaden an Eltern und Lehrer verteilen ließ.

Strategien der Pharmafirmen

Seltene Krankheiten und deren Betroffene werden medienwirksam bei Beratungen politischer Gremien präsentiert, um Forschungsmittel zu erhalten. Heute ersetzt der aufgeklärte Patient den Pharmareferenten, was Lobbyarbeit bei Ärzten angeht. Denn gerade in Selbsthilfegruppen wird massiv für neue Medikamente geworben, die angeblich wirkungsvoller sind als die bewährten Vorläufer. Die Betroffenen fordern von ihrem Arzt die teuren Neuentwicklungen, obwohl diese Präparate nicht unbedingt wirksamer sind und oft noch nicht ausreichend auf mögliche Nebenwirkungen getestet wurden. In anderen Beiträgen auf meiner Webseite über Medikamentenskandale finden Sie noch zahlreiche solcher Beispiele.

Oder man erschafft neue Volkskrankheiten wie das „Reizdarmsymptom“. Warum Menschen unter teilweise schweren Durchfällen leiden ist noch nicht endgültig geklärt. Ursachen könnten Allergien oder Unverträglichkeiten sein wie zum Beispiel: Milchzucker-Unverträglichkeit, Fruchtzuckerunverträglichkeit, Süßstoffe (z.B. Aspartam) oder andere Nahrungsmittelzusätze.

Doch dass angeblich zwölf Prozent aller Bundesbürger einen Reizdarm haben, hält Darmspezialist Max Giger für weit überzogen. So würden normale Verdauungsprobleme nach zu fettem oder hastigem Essen für therapiewürdig erklärt.

Versuche von Selbsthilfeverbänden, unabhängig zu bleiben

„Auch Selbsthilfegruppen brauchen Geld“ räumte Sylvia Schneider in „Naturmedizin aktuell“ vom 09.12.2009 ein. Sie betont die Bedeutung der rund 70.000 Initiativen für ihre drei Millionen Mitglieder, rät jedoch zu einem kritischen Blick, was Informationen über neue Arzneimittel anbelangt.

In einem von Uni und Verbraucherzentrale konzipierten Seminar bietet die VHS Hamburg Patienten dabei Hilfestellung.

Dass es auch ohne Industriesponsoring geht, beweist die pharmaunabhängige Stiftung „Koalition Brustkrebs“. Übrigens decken öffentliche Gelder den Löwenanteil des Etats fast aller Selbsthilfegruppen, nicht nur bei der Deutschen Aids-Hilfe.

Klaus Balke (Geschäftsführer der Berliner Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen) erklärt, dass Staat und Krankenkassen immer noch die Hauptsponsoren der Selbsthilfe seien.

Wenn Sie mehr über das Thema wissen wollen, lege ich Ihnen meinen Artikel über Pharmakartelle ans Herz. Und auch das ZDF hat in seiner Sendung Frontal 21 bereits darüber berichtet, wie ich hier im Video zeige.

Datum: Freitag, 28. Mai 2010
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5 Kommentare

  1. A. Götz-Dohnau
    Montag, 12. Juli 2010 18:19
    1

    Hallo, ich weiß zwar nicht ob mein Vorschlag hier richtig ist aber meine Meinung ist und so habe ich es als Privatpatient immer empfunden, daß die Krankenkasse alleinig für die Ärzte und damit die Pharmaindustrie ein Selbstbedienungsladen ist. Wer hat den die größten Abrechnungsposten? Etwa die Heilpraktiker? Das ist lächerlich. Mein Vorschlag gegen diesen Mißstand ist, es sollte ein genauen Behandlungsplan mit den einzelnen Kosten für die Positionen die der Arzt abrechnet geben und der Patient muß die Kosten kennen und denen zustimmen.
    Ärzte berechnen doch immer noch was sie wollen
    und wenn man reklamiert, bekommt man nur freche
    Antworten. Es muß eine Art Kostenzustimmung vom Patienten geben und jeder Patient, auch Kassenpatient sollte die Rechnung für seine
    Behandlung erhalten. Bei jeder Servicetätigkeit
    muß die Zustimmung des Kunden erfolgen, warum
    gilt das nicht für Ärzte??? Anscheinend sind die eine besondere Klasse, sodaß sie tun und lassen können was sie wollen. MFG AGD

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    […] Pharmakonzerne und Selbsthilfegruppen, eine fragwürdige Allianz […]

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    Ich hatte Actonell gegen Osteoporose von meinem Arzt geschäftstüchtig verschrieben bekommen. Mein Gynäkologe, er meinte damals, „Sie sind doch Privatpatient, stellen Sie mal den Fuß in dieses Wasser dann können wir sehen wie es steht“. Er meinte ich habe Knochen wie eine 70-Jährige und verschrieb mir Actonell, die Privatversicherung bezahlt diese teuren Kapseln. Mit Bisphosonaten, ich nahm sie 5 Jahre, dann war ich beim Zahnarzt, es müssten 2 Backenzähne extrahiert werden, ich müsste dazu ins Krankenhaus weil angehende Kiefernekrose, Nebenwirkungen von dem Actonell.
    Es wurde zusätzlich ein Stück vom Kiefer abgehobelt und 3-fach vernäht. Ich bekam 1 Woche hohe gaben Antibiotika intravenös, danach noch 3 Wochen so hoch es mit Tabletten ging oral, bis ich eine schwarze Zunge bekam und es absetzte.
    Ich recherchierte im Netz, und bekam dort die Antwort, dass das Medikament noch keinen Langzeittest durchgemacht hatte. Ich setzte es sofort ab, mein Arzt meinte entsetzt ich sollte es noch mindestens weitere 5 Jahre nehmen.
    Das ist schon länger her, seitdem hatte ich nichts weiteres wegen Osteoporose genommen, alles blieb gleich. Nie wieder, die Ärzte sind genauso wie die Pharma, ich wünschte ich könnte die Verklagen. Ich bin wieder in der gesetzlichen Krankenkasse, gehe sowieso nicht mehr zum Arzt.

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    Wir haben’s gut.Es gibt keine Medikamente gegen angeborene Herzfehler, darum lässt die Pharmaindustrie unsere Selbsthilfeorganisation weitestgehend in Ruhe. So können wir,seit 32 Jahren, fast unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit sehr erfolgreich für unsere kleinen Patienten und ihre Familien arbeiten. Geld ist knapp, aber irgendwie geht es immer weiter. Also bitte bei der Selbsthilfe genau hinschauen und differenzieren und nicht alles über einen Kamm scheren. Herzliche Grüsse.

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