Tod durch Iberogast? Wie ein Naturheilmittel wie die Sau durch´s Dorf getrieben wird…

Schöllkraut in der Blüte

Es gibt (nach Jahren) wieder mal einen neuen „Naturheilkunde-Skandal“!

Ein pflanzliches Heilmittel (Iberogast), das rezeptfrei in der Apotheke bezogen werden kann, scheint für den Tod durch Leberversagen eines Anwenders verantwortlich gemacht zu werden.

Und das scheint (wieder einmal)  Wasser auf die Mühlen der Gegner der Naturheilkunde und Alternativmedizin sein.

Das Problem ist hier, dass dieses Produkt, Iberogast, das von der inzwischen von Bayer aufgekauften Firma Steigerwald „erfunden“ wurde, von eben dieser besagten Firma Bayer übernommen und weiter vertrieben wurde und wird.

Und Bayer ist nun wirklich keine Pharmafirma, die Naturheilmittel in den Mittelpunkt stellt. Aber  mit Iberogast hat die Firma einen „Blockbuster“ im Bereich der OTC-Präparate, das umsatzstärkste Produkt in diesem Bayer-Sortiment.

Die entscheidende Frage ist: Wer oder was ist schuld am Tod dieses Iberogast-Anwenders?

Dieses Naturheilmittel oder aber der „verantwortungslose, auf Profit orientierte Umgang von Bayer“, wie manche das mittlerweile behaupten?

Bevor ich zu dieser Frage komme, erst einmal zu der Frage:

Was ist Iberogast eigentlich genau?

In Kürze: Bei dem Präparat handelt es sich um eine Kombination aus Extrakten von neun verschiedenen Pflanzen. Eine dieser Pflanzen ist das Schöllkraut, welches allerdings schon seit langer Zeit dafür bekannt ist, dass seine Alkaloide in entsprechender Konzentration leberschädigende Eigenschaften haben. Ein genaueres Porträt dieses Präparats habe ich hier veröffentlicht: Iberogast gegen Magen-Darmbeschwerden.

Als altes und „bewährtes“ Präparat gegen Reizmagen, Gastritis, Reizdarm etc. (ohne sonst nennenswerte Nebenwirkungen!) erscheint dieser Todesfall ein überraschender Ausnahmefall zu sein.

Oder vielleicht doch nicht so überraschend?

Iberogast und die Kontroverse um das Schöllkraut

Das Vorspiel für diesen Todesfall begann vor einigen Jahren. Im Jahr 2008 schickte das BfArM ein Rundschreiben[1] an alle pharmazeutischen Unternehmer, ein Bescheid, demzufolge die Zulassung aller Schöllkraut-haltigen Arzneimittel mit einer Dosierung von mehr als 2,5 Milligramm Schöllkraut-Extrakt pro Tag mit sofortiger Wirkung widerrufen wurde. Grund hierfür waren lebertoxische Eigenschaften von Schöllkraut und entsprechende Reporte dazu.

Zu diesem Zeitpunkt gab es noch die Firma Steigerwald, die im Jahr 2013 von Bayer „geschluckt“ wurde. Als Steigerwald vom BfArM aufgefordert wurde, den Beipackzettel von Iberogast mit entsprechenden Warnhinweisen zu versehen, weigerte sich Steigerwald angeblich. Begründung: Die in Iberogast enthaltene Menge an Schöllkraut-Extrakt überschreitet nicht die 2,5 Milligramm Grenze. Als Bayer Produkt und Firma übernahm, übernahm sie auch die verstockte Haltung in Bezug auf den Warnhinweis.

Im Jahr 2017 forderte das BfArM Bayer erneut auf, die Warnhinweise für ihr Produkt in den Beipackzettel aufzunehmen, wogegen Bayer jedoch klagte.

Im Jahr 2018 war es dann soweit. Denn es gab neue Fälle von Leberschädigungen, die im Zusammenhang mit dem Einsatz von Iberogast beobachtet worden sein sollen. Und einer dieser Fälle war ein Leberversagen, der eine Lebertransplantation notwendig machte, was letztlich tödlich endete[2]. Daraufhin knickte Bayer ein und erklärte sich bereit, die entsprechenden Warnhinweise in den Beipackzettel aufzunehmen.

Interessant ist hier, dass dieser Tod, der in einem mehr oder weniger direkten Zusammenhang mit der Einnahme von Iberogast stand, kaum Wellen geschlagen hat. So wie die schulmedizinisch ausgerichteten Medien gestrickt sind, wäre dies doch ein gefundenes Fressen gewesen, diesen Fall als Beweis für die Gefährlichkeit von Naturheilmitteln auszuschlachten. Aber dieses Festival blieb aus. Warum nur?

Aber auch der Vorwurf, der Bayer gemacht wird, zeigt nur zu deutlich, dass die Schreiber sich kaum mit der Materie auseinandergesetzt haben. Denn der Vorwurf lautet, dass ein frühzeitiges Aufnehmen der Warnhinweise in den Beipackzettel den Tod des Patienten im Jahr 2018 hätte verhindern können.

Ökonomisch geduldete Nebenwirkungen

Es scheint schwer für die Medien zu sein, bei diesem Todesfall Bayer eine Absolution zu erteilen. Das Problematische dieser Situation ist, dass man nicht einfach auf die „bösen Heilpflanzen“ zeigen kann, um den wahren Schuldigen für die Todesfälle zu finden. Denn wären die bösen Heilpflanzen die wahren Schuldigen, warum vertreibt Bayer dann so ein „Unkraut“? Und das auch noch in einem so großen Ausmaß? Immerhin ist das Produkt ein OTC-Blockbuster! Die Medien kommen also nicht umhin, die Firma für einen schludrigen Umgang mit Nebenwirkungen und Warnhinweisen zu tadeln.

Die mehr „alternativ-medizinisch“ ausgerichteten Medien machen einen ähnlichen Fehler, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Hier ist der Pharmariese (wieder einmal) schuldig, was dann noch durch die Aufzählung einer Reihe von weiteren Skandalen (Lipobay[3], Glyphosat[4], Antibabypille Yasmin, Koate[5], Xarelto[6]) belegt werden soll.

Aber auch in dieser Ecke kann man nicht verleugnen, dass Produkte mit Schöllkraut Leberschäden verursachen können. Deshalb folgert man auch hier, dass „der Hersteller zu lange gewartet hat, bis er den Beipackzettel angepasst hat“[7], ein Standpunkt, den angeblich auch die ermittelnde Staatsanwaltschaft teilt.

Mir dagegen fällt es extrem schwer zu glauben, dass Warnhinweise Nebenwirkungen und tödliche Wirkungen verhindern können. Wenn Warnhinweise dazu in der Lage wären, dann dürfte es keine Nebenwirkungen und medikamentös verursachte Todesfälle mehr auf diesem Planeten geben. Denn die pharmazeutischen Produkte der Schulmedizin enthalten alle einen Beipackzettel, der für die Warnhinweise und Aufzählung der Nebenwirkungen eine Portion Extrapapier benötigt. Die Pharmaindustrie ist sogar aus juristischen Gründen bereit, extrem seltene Nebenwirkungen in den Beipackzettel aufzunehmen, um sich juristisch abzusichern.

Von daher ist es mir unverständlich, warum Bayer die leberschädigende Eigenschaft von Schöllkraut und den entsprechenden Warnhinweis nicht schon früher und freiwillig mit in den Beipackzettel aufgenommen hat. Ich glaube, dass man bei Bayer davon ausgegangen ist, dass diese Nebenwirkung höchstens unter höher dosierten Gaben auftreten, nicht aber in den Konzentrationen, wie sie bei Iberogast vorliegen. Da wollte man wohl keine schlafenden Hunde wecken?

Aber genau aus diesem Grunde, warum andere Firmen auch die kleinste Nebenwirkung in den Beipackzettel aufnehmen, gibt es jetzt die Ermittlung seitens der Staatsanwaltschaft.

Oder mit anderen Worten: Hätte Bayer (oder seinerzeit Steigerwald) diesen Warnhinweis in den Beipackzettel aufgenommen, dann hätte man sehr wahrscheinlich nicht die Todesfälle verhindern können, aber die Ermittlung der Staatsanwaltschaft. Während die Todesfälle vielleicht gar nicht so tragisch zu sein scheinen (jedenfalls hält sich das Bedauern der Presse in Grenzen), ist eine Ermittlung gegen Bayer schon eine kleine Sensation.

Was lernen wir daraus?

Warnhinweise im Beipackzettel dienen nicht dazu, Todesfälle, sondern bei Todesfällen entsprechende Ermittlungen zu verhindern.

Die überflüssigen Todesfälle von Iberogast

Nachdem wir gesehen haben, dass sich Schulmedizin, Presse, Alternativmedizin etc. an fehlenden Warnhinweisen in Beipackzetteln festbeißen und fälschlicherweise zu glauben scheinen, dass Warnhinweise Todesfälle verhindern können, ist es an der Zeit, eine recht einfache Lösung vorzuschlagen, die leider für die betroffenen Verstorbenen zu spät kommt.

Ich hatte in meinem bereits oben erwähnten Beitrag zu Iberogast ausgeführt, dass die Firma Steigerwald, die ebenfalls die Nebenwirkungen von Schöllkraut kannte, ein sehr ähnliches Mittel „in der Schublade“ hatte, bei dem drei der neun Pflanzen fehlten, inklusive Schöllkraut.

Und die angeblich gemachten Studien zu dieser neuen Kombination zeigten praktisch die gleiche Wirkung wie die alte Kombination mit neun Pflanzen. Sowohl Steigerwald, als auch Bayer entschieden sich gegen die Umstellung auf dieses neue Präparat. Gründe hierfür dürften wohl ähnlich gelagert sein wie die Gründe, die die Nennung der Warnhinweise im Beipackzettel verhinderten: Zu viel Arbeit für einen Vorgang, der keine Umsatzsteigerung versprach. Zudem ging man davon aus, dass Leberprobleme unter so geringen Dosierungen nicht zu erwarten sind. Warum also schlafende Hunde wecken? Ach ja, wir hatten das ja schon mal.

So fällt es weder der Presse, der Schulmedizin und vielen Vertretern der Alternativmedizin auf, dass die Entfernung von zumindest Schöllkraut aus diesem Mix die vielversprechendere Variante ist, Nebenwirkungen plus Todesfälle zu vermeiden und nicht die lächerliche Angabe von Warnhinweisen, deren verhindernde Wirkung einzig und allein darin besteht, dass die Patienten das Präparat überhaupt nicht mehr nehmen.

Fazit

Wir haben einen Todesfall.

Dieser Todesfall wird seitens der Presse der Firma Bayer angelastet und gleichzeitig auch dem Naturheilmittel (Iberogast), welches von Bayer vertrieben wird.

Und von der alternativmedizinischen/naturheilkundlichen Seite wird genau das gleiche (falsche) Argument aufgegabelt, um jetzt mal so richtig gegen die Pharmaindustrie zu schießen.

Eine solche Vorgehensweise kennen wir sonst nur von Schulmedizin, Presse und Pharmaindustrie, wenn ein Todesopfer zu beklagen ist, weil jemand unter einer naturheilkundlichen Therapie Schaden genommen hat oder zu Tode gekommen ist.

In beiden Fällen werden Ausnahmefälle hochstilisiert zu Regelfällen, die die Verkommenheit der jeweils anderen Seite dokumentiert.

Ich glaube nicht, dass das Breittreten von fragwürdigen Argumenten dem Ansehen der Naturheilkunde zu neuem Glanz verhilft.

[1]     BfArM – Abwehr von Gefahren durch Arzneimittel, Stufe zwei

[2]     Iberogast: Bayer muss nach Todesfall auf mögliche Leberschädigungen hinweisen – SPIEGEL ONLINE

[3]     SAUEREI! Der Lipobay-Skandal und die Todesfälle

[4]     Glyphosat – sicher unsicher?

[5]     Tödlicher Ausverkauf: Wie AIDS nach Asien exportiert wurde

[6]     Xarelto – Mittel der Wahl oder Mittel der Qual?

[7]     Pharmakonzern Bayer – Ein weiterer Skandal: Medikament Iberogast soll Todesfall verursacht haben – netzfrauen– netzfrauen

René Gräber

René Gräber

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2 Kommentare Kommentar hinzufügen

  1. Avatar
    arno energieheiler

    15. August 2019 um 14:22

    Schöllkraut ist ein gutes Heilkraut. Ich kenne es schon lange, ich habe es in meinen Garten und Esse ab zu zu davon 2 Blätter. Das ist gut für die Leber, noch besser ist es wenn man es äußerlich anwendet. Man braucht nur den Saft auf den Bauch zu schmieren, dann hat es schon die richtige Wirkung. Wenn jemand Würmer hat wirkt das gut. Nur den Saft einfach auf den Bauch schmieren und die Würmer verschwinden. Man sollte mit allen Heilpflanzen gut umgehen, dann kann nichts passieren. In der Dosis liegt die Wirkung.
    Nur noch ein Spruch —–dessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing —

  2. Avatar
    Gerhard Breuninger

    24. August 2019 um 11:31

    Gerhard Breuninger
    Hallo Rene,
    Schon lange beziehe und lese ich deine Veröffentlichungen. Der Artikel heute „Iberogast“ hat mich besonders interessiert, weil wir dieses sehr wirksame Mittel gegen Magenverstimmung immer Zuhause haben. Wie bin ich auf Iberogast gekommen? Ich hatte mal, ca. 2 Std nach dem Abendessen Probleme, angefangen mit Magendruck, Magenschmerzen die sich auf den ganze Oberkörper auspreiteten und immer heftiger wurden und fast nicht mehr zu aushalten waren. In der Nacht um halb zwei bin ich in die Klinik gegangen. Die wussten natürlich auch nicht was das sein könnte weil die Schmerzen auf den ganzen Oberkörper übergingen. Sie gaben mir Schmerzmittel, die das Ganze etwas leichter machten und blieb dort über Nacht. Am nächsten Tag war alles wieder vorbei. Sie wollten dann noch eine Magenspiegelung machen, die ich nicht wollte und ging wieder nach Hause. Am gleichen Tag war ich in der Apotheke und erzählte meiner Apothekerin die Geschichte. Sie hat mir dann geraten mir Iberogast mit zu nehmen was ich dann auch tat. Ab und an kann es mal vorkommen, dass nach dem Essen der Magen sich meldet, bin seit 36 J. vegetarier, also esse nix was Augen hatte. Ich nehme dann 20 Tr. Iberogast auf ein Glas Wasser etwa 100 ml, lege mich aufs Bett rolle ein paar mal hin und her und nach 10 min ist alles gut. Ich benutze Iberogast naturlich nur wenn es notwendig ist, hatte noch nie Probleme damit, im Gegenteil, es hat mir nur geholfen.. Hätte ich Iberogast vor meinem Klinik aufhalt gekannt, wäre der mir erspart geblieben.
    ps. Wenn Schöllkraut und andere Kräuter in Iberogast vorhanden ist könnte es auch, äußerlich angewand bei Warzen hilfreich sein.???
    Liebe Grüße
    Gerhard Breuninger

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