Aus der Naturheilpraxis von René Gräber / Kategorie: Medikamente

Ein Patient nimmt seinen Blutdrucksenker seit fünf, acht oder vielleicht sogar fünfzehn Jahren. Das Medikament wurde immer gut vertragen. Kein Ausschlag, keine erkennbare Allergie, kein Anlass zur Sorge.

Und dann schwillt plötzlich die Lippe an. Wenig später vielleicht auch die Zunge. Das Schlucken fällt schwer, die Stimme verändert sich oder es entsteht das Gefühl, der Rachen werde enger.

Naheliegend ist zunächst der Gedanke an eine allergische Reaktion: etwas Falsches gegessen, ein Insektenstich, ein neues Lebensmittel oder ein anderes Medikament. Es kann allerdings auch der Blutdrucksenker sein, der seit Jahren scheinbar problemlos eingenommen wurde.

Die britische Arzneimittelbehörde MHRA hat im Juni 2026 ausdrücklich daran erinnert, dass sogenannte ACE-Hemmer auch nach monate- oder jahrelanger Einnahme ein Angioödem auslösen können. Besonders gefährlich wird es, wenn Zunge, Rachen oder Kehlkopf betroffen sind. Dann kann aus einer zunächst harmlos wirkenden Schwellung innerhalb kurzer Zeit ein medizinischer Notfall werden.

Was ist ein Angioödem?

Bei einem Angioödem sammelt sich Flüssigkeit in tieferen Haut- oder Schleimhautschichten. Häufig betroffen sind:

  • Lippen,
  • Wangen und Gesicht,
  • Zunge,
  • Rachen und Kehlkopf,
  • seltener Hände, Füße oder der Magen-Darm-Trakt.

Eine geschwollene Lippe sieht zunächst vielleicht nur sonderbar aus. Eine Schwellung der Zunge oder des Kehlkopfes kann dagegen die Atemwege verlegen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte weist ausdrücklich darauf hin, dass Angioödeme im Bereich von Zunge, Rachen oder Kehlkopf wegen der möglichen Erstickungsgefahr lebensbedrohlich werden können.

Auch starke, unerklärliche Bauchschmerzen oder Bauchkrämpfe können in seltenen Fällen dazugehören, wenn die Schleimhäute des Darms betroffen sind.

Welche Blutdruckmittel sind ACE-Hemmer?

ACE-Hemmer werden nicht nur gegen Bluthochdruck eingesetzt. Sie kommen auch bei Herzschwäche, nach einem Herzinfarkt, bei bestimmten Nierenerkrankungen und zur Senkung des kardiovaskulären Risikos zum Einsatz.

Die Wirkstoffnamen enden meistens auf „-pril“. Häufig verwendete Beispiele sind:

  • Ramipril,
  • Enalapril,
  • Lisinopril,
  • Perindopril,
  • Captopril,
  • Fosinopril,
  • Trandolapril,
  • Benazepril,
  • Moexipril,
  • Zofenopril.

Die europäische Pharmakovigilanz führt darüber hinaus weitere Vertreter wie Cilazapril, Delapril, Imidapril und Quinapril auf.

Dabei reicht es nicht immer, nur den Namen auf der Vorderseite der Packung zu kennen. ACE-Hemmer werden häufig als Kombinationspräparate angeboten, beispielsweise zusammen mit einem Entwässerungsmittel oder einem Calciumantagonisten. Entscheidend ist daher der Wirkstoff, nicht allein der Handelsname.

Wer dauerhaft Medikamente einnimmt, sollte ohnehin eine aktuelle Medikamentenliste bei sich tragen auf Papier, im Mobiltelefon oder über die elektronische Patientenakte (von der ich allerdings nichts halte – siehe hier: Elektronische Patientenakte: Fortschritt oder Einfallstor für Datenmissbrauch?)

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Warum kann die Reaktion erst nach Jahren auftreten?

ACE steht für „Angiotensin Converting Enzyme“. Dieses Enzym ist an der Regulation des Blutdrucks beteiligt. ACE-Hemmer vermindern unter anderem die Bildung des gefäßverengenden Angiotensin II. Dadurch entspannen sich die Blutgefäße und der Blutdruck kann sinken.

Das Enzym ist jedoch noch an einem zweiten Vorgang beteiligt: Es baut den Botenstoff Bradykinin ab. Wird ACE gehemmt, kann sich bei empfindlichen Menschen mehr Bradykinin im Gewebe ansammeln. Bradykinin erhöht die Durchlässigkeit der Gefäße. Flüssigkeit tritt in das umliegende Gewebe aus und verursacht die Schwellung.

Dieser Mechanismus erklärt auch den bekannten ACE-Hemmer-Husten. Angioödeme sind deutlich seltener, aber potenziell wesentlich gefährlicher. Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft ordnet sowohl Reizhusten als auch Angioödeme dem Einfluss der ACE-Hemmer auf den Bradykininstoffwechsel zu.

Warum manche Menschen bereits kurz nach Therapiebeginn reagieren, andere erst nach Jahren und die meisten überhaupt nicht, ist nicht vollständig geklärt. Vermutlich kommen mehrere Faktoren zusammen: individuelle Enzymaktivität, genetische Veranlagung, Alter, Begleiterkrankungen, Rauchen und weitere Medikamente.

Nach Angaben der MHRA trat bei ungefähr der Hälfte der ausgewerteten britischen Verdachtsfälle mit bekannter Zeitangabe das Angioödem erst 30 Tage oder später nach Beginn der Behandlung auf. In Herstellerdaten lagen etwa 20 bis 30 Prozent der gemeldeten Fälle jenseits der ersten 30 Behandlungstage. Berichtet wurden auch Reaktionen nach mehreren Jahren unauffälliger Einnahme.

Die jahrelange gute Verträglichkeit ist daher kein sicherer Freibrief.

Nicht jede Schwellung ist eine Allergie

Viele Angioödeme werden durch Histamin vermittelt. Das ist der Mechanismus, den man von klassischen allergischen Reaktionen kennt. Häufig kommen dann weitere Zeichen hinzu:

  • Juckreiz,
  • Quaddeln oder Nesselsucht,
  • Hautrötung,
  • mitunter Kreislaufprobleme oder Atemnot.

Das durch ACE-Hemmer ausgelöste Angioödem ist dagegen häufig bradykininvermittelt. Es verläuft meist ohne Juckreiz und ohne Nesselsucht. Die Schwellung kann langsamer beginnen und dennoch gefährlich fortschreiten.

Das Problem: Eine bradykininvermittelte Reaktion spricht häufig schlecht oder gar nicht auf die übliche Behandlung einer allergischen Anaphylaxie an. Adrenalin, Antihistaminika und Kortison sind bei einer echten allergischen Reaktion wichtig. Sie beseitigen aber nicht automatisch eine durch Bradykinin verursachte Schwellung. Die MHRA weist deshalb darauf hin, dass bei fehlendem Ansprechen auf die Standardbehandlung an ein ACE-Hemmer-Angioödem gedacht werden muss.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Patienten oder Angehörige im Notfall darüber diskutieren sollen, welches Medikament der Notarzt verwenden darf. Es bedeutet: Die Einnahme eines ACE-Hemmers muss sofort erwähnt werden.

Bei diesen Zeichen zählt keine Beobachtungszeit

Rufen Sie sofort den Notruf 112, wenn unter einem ACE-Hemmer eines der folgenden Symptome auftritt:

  • Schwellung der Zunge,
  • zunehmende Schwellung von Lippen oder Gesicht,
  • Engegefühl im Hals,
  • Schluckbeschwerden,
  • Atemnot,
  • pfeifende oder geräuschvolle Atmung,
  • veränderte oder heisere Stimme,
  • das Gefühl, der Rachen werde enger.

Nicht selbst zum Arzt fahren, wenn Atmung oder Schlucken beeinträchtigt sind. Nicht erst abwarten, ob ein Antiallergikum hilft. Nicht schlafen gehen, um am nächsten Morgen weiterzusehen.

Bei Verdacht auf ein ACE-Hemmer-Angioödem empfiehlt die MHRA, keine weitere Dosis einzunehmen und unverzüglich medizinische Hilfe zu suchen. Die weitere Medikamentenentscheidung gehört anschließend in ärztliche Hand.

Im Notruf oder gegenüber dem Rettungsdienst sollte möglichst klar gesagt werden:

„Ich nehme einen ACE-Hemmer und habe plötzlich eine Schwellung von Lippe, Zunge oder Rachen.“

Dazu gehört der genaue Wirkstoffname, beispielsweise Ramipril, Enalapril oder Lisinopril.

Nach dem Angioödem einfach wieder weiternehmen?

Nein. Wenn ein Angioödem wahrscheinlich durch einen ACE-Hemmer ausgelöst wurde, soll das Präparat nach der aktuellen MHRA-Warnung abgesetzt und nicht erneut angesetzt werden.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Betroffene anschließend ohne Blutdruckbehandlung bleiben sollen. Hoher Blutdruck, Herzschwäche oder Nierenerkrankungen verschwinden schließlich nicht dadurch, dass ein Medikament unverträglich geworden ist. Aber es gibt natürlich Alternativen über die ich immer wieder schreibe, unter anderem in meinem Grundsatzartikel: Bluthochdruck senken – natürlich mit Naturheilkunde

Die Therapie muss neu geordnet werden. Je nach Erkrankung, Blutdruck, Nierenfunktion, Kaliumwerten und weiteren Medikamenten kommen andere Wirkstoffgruppen infrage. Häufig werden Sartane als mögliche Alternative geprüft, weil sie den Bradykininabbau nicht in derselben Weise hemmen. Allerdings können auch unter Sartanen selten Angioödeme auftreten. Das BfArM nennt sowohl ACE-Hemmer als auch Angiotensin-Rezeptorblocker als mögliche Auslöser nichtallergischer Angioödeme. Naja…

Sollte jeder seinen ACE-Hemmer jetzt absetzen?

Natürlich nicht. ACE-Hemmer sind bewährte und in vielen Situationen sehr nützliche Arzneimittel. Sie können den Blutdruck senken, das Herz entlasten und bei bestimmten Patienten das Risiko schwerer Folgeerkrankungen reduzieren. Eine seltene, aber ernsthafte Nebenwirkung macht ein Medikament nicht grundsätzlich schlecht.

Falsch wären beide Extreme:

  • die Nebenwirkung zu verharmlosen, weil der Patient das Medikament schon jahrelang vertragen hat;
  • aus Angst vor einem seltenen Ereignis eine notwendige Therapie eigenmächtig abzubrechen.

Vernünftig ist, die eigenen Wirkstoffe zu kennen, Warnzeichen ernst zu nehmen und die Blutdruckbehandlung regelmäßig überprüfen zu lassen.

Wann sollte die Blutdrucktherapie grundsätzlich überprüft werden?

Viele Menschen erhalten irgendwann einen Blutdrucksenker und nehmen ihn anschließend über Jahre weiter. Dabei verändern sich Körpergewicht, Bewegung, Ernährung, Nierenfunktion, Stressbelastung und Begleitmedikamente.

Eine Medikationsüberprüfung ist besonders sinnvoll, wenn:

  • der Blutdruck wiederholt sehr niedrig oder weiterhin deutlich zu hoch ist,
  • Schwindel, Schwäche oder Stürze auftreten,
  • sich Nierenwerte oder Kaliumwerte verändern,
  • mehrere Blutdruckmittel parallel eingenommen werden,
  • neue Medikamente hinzugekommen sind,
  • Gewichtsverlust, Fasten oder eine deutliche Lebensstiländerung erfolgt sind,
  • Reizhusten, wiederkehrende Schwellungen oder andere mögliche Nebenwirkungen auftreten.

Dabei geht es nicht darum, Blutdruckmedikamente möglichst schnell loszuwerden. Es geht darum, regelmäßig zu prüfen, ob Wirkstoff, Dosierung und Kombination noch zum Patienten passen.

„Einmal eingestellt, für immer erledigt“ ist bei einer chronischen Medikation kein besonders kluges Konzept.

Mein Fazit

Ein Angioödem unter ACE-Hemmern ist selten. Selten bedeutet allerdings nicht belanglos.

Das Tückische besteht darin, dass die Reaktion auch nach jahrelanger problemloser Einnahme auftreten kann. Wird sie vorschnell als gewöhnliche Allergie abgetan, kann wertvolle Zeit verloren gehen. Deshalb sollte jeder, der Ramipril, Enalapril, Lisinopril, Perindopril oder einen anderen ACE-Hemmer einnimmt, drei Dinge wissen:

Erstens: Eine plötzliche Schwellung kann vom Medikament kommen, auch nach Jahren.

Zweitens: Schwellungen von Zunge oder Rachen, Atemnot und Schluckbeschwerden gehören sofort in die Notfallmedizin.

Drittens: Der genaue Wirkstoff muss Ärzten und Rettungsdienst genannt werden, weil ein bradykininvermitteltes Angioödem anders reagieren kann als eine klassische Allergie.

Man muss vor Medikamenten keine Angst haben. Man sollte nur wissen, was man einnimmt und welche Warnzeichen man nicht ignorieren darf.

Ach ja… Ich hatte ja meinen Beitrag schon erwähnt oder?
Bluthochdruck senken – natürlich mit Naturheilkunde

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Aus der Naturheilpraxis von René Gräber / Kategorie: Krankheiten, Laborwerte, Umweltgifte

Es gibt Meldungen, bei denen man zweimal hinschauen sollte. Nicht weil sie offensichtlich falsch wären, sondern weil die Größenordnung beinahe zu gewaltig klingt: Der durchschnittliche Testosteronspiegel von Männern soll innerhalb von knapp fünf Jahrzehnten um mehr als die Hälfte gesunken sein.

Genauer gesagt: um 54 Prozent zwischen 1972 und 2019.

Die Zahl stammt aus einer neuen systematischen Auswertung, die im Juli 2026 auf dem Jahreskongress der Europäischen Gesellschaft für menschliche Fortpflanzung und Embryologie, kurz ESHRE, in London vorgestellt wurde. Der Titel der Arbeit lautet: „Temporal trends in total and free testosterone (1972–2019): a systematic review and meta-trend analysis“ (LINK)

Federführend war Professor Hagai Levine von der Hebrew University in Israel. In die Analyse flossen sechs längerfristige Untersuchungen mit insgesamt 118.593 Männern aus Israel, den USA, Brasilien, Finnland und Dänemark ein. Alle sechs Studien berichteten sinkende Testosteronwerte. Zusammengenommen errechneten die Forscher einen Rückgang von rund 54 Prozent, wobei sich die Entwicklung nach dem Jahr 2000 offenbar noch beschleunigte.

Das ist zunächst eine Kongresspräsentation. Eine vollständig veröffentlichte Facharbeit mit allen Tabellen, Einschlusskriterien und statistischen Einzelheiten liegt derzeit noch nicht vor. Man sollte die Zahl daher nicht wie eine in Stein gemeißelte biologische Konstante behandeln. Als bloßes Zufallsprodukt lässt sich die Entwicklung allerdings ebenfalls kaum abtun. Dafür zeigen zu viele Untersuchungen aus verschiedenen Ländern in dieselbe Richtung.

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Nicht nur eine Frage des Alters

Natürlich sinkt der Testosteronspiegel bei vielen Männern mit zunehmendem Alter. Darum geht es hier aber gerade nicht.

Die entscheidende Beobachtung lautet: Ein heute 50-jähriger Mann kann im Durchschnitt einen niedrigeren Testosteronwert aufweisen als ein 50-jähriger Mann vor drei oder vier Jahrzehnten. Es handelt sich also nicht nur um einen Alterseffekt, sondern offenbar auch um einen Generationen- und Zeiteffekt.

Männer werden nicht einfach älter. Männer desselben Alters scheinen heute hormonell anders aufgestellt zu sein als frühere Generationen.

Die Massachusetts Male Aging Study

Eine der bekanntesten Arbeiten, die in diesen Zusammenhang gehört, stammt aus den USA. Thomas Travison und seine Kollegen werteten Daten der Massachusetts Male Aging Study aus.

Die Männer waren in drei Erhebungszeiträumen zwischen Ende der 1980er-Jahre und 2004 untersucht worden. Dabei zeigte sich ein deutlicher Rückgang des Gesamt- und freien Testosterons, der sich durch das zunehmende Alter der Teilnehmer allein nicht erklären ließ.

Die Forscher berücksichtigten unter anderem Übergewicht, Rauchen, Erkrankungen und Medikamenteneinnahme. Dennoch blieb ein erheblicher zeitlicher Rückgang bestehen. Die Autoren kamen zu dem Ergebnis, dass es in der männlichen Bevölkerung einen altersunabhängigen Rückgang des Testosterons gegeben hatte, dessen Ursache durch die erfassten Gesundheits- und Lebensstilfaktoren nicht vollständig erklärt werden konnte.

Das war im Jahr 2007. Die Entwicklung kommt also keineswegs überraschend aus dem Nichts. Sie wurde nur lange erstaunlich wenig beachtet.

Finnische Männer: gleiche Lebensjahre, andere Hormonwerte

Besonders eindrucksvoll ist eine finnische Untersuchung von Perheentupa und Kollegen.

Die Forscher verglichen Männer verschiedener Geburtsjahrgänge miteinander. Bei den 60- bis 69-Jährigen sank der durchschnittliche Testosteronwert von 21,9 nmol/l bei Männern der Geburtsjahrgänge 1913 bis 1922 auf nur noch 13,8 nmol/l bei Männern, die zwischen 1942 und 1951 geboren worden waren.

Das entspricht keinem kleinen Laborunterschied, sondern einem erheblichen Abstand.

Bemerkenswert ist zudem: Der Unterschied blieb auch bestehen, nachdem die Forscher den Body-Mass-Index rechnerisch berücksichtigt hatten. Die Autoren sprachen ausdrücklich von einem altersunabhängigen Geburtskohorteneffekt.

Mit anderen Worten: Die später geborenen Männer hatten bei gleichem Alter erheblich niedrigere Hormonwerte.

Auch Israel meldet einen deutlichen Rückgang

Eine weitere große Untersuchung wurde 2020 aus Israel veröffentlicht. Dabei analysierten die Forscher Testosteronmessungen aus den Jahren 2006 bis 2019.

Auch dort zeigte sich ein deutlicher Rückgang über die Zeit, und zwar in verschiedenen Altersgruppen. Bei 21-jährigen Männern sank der durchschnittliche Wert beispielsweise von etwa 19,68 nmol/l in den Jahren 2006 bis 2009 auf etwa 17,76 nmol/l zwischen 2016 und 2019.

Der Trend blieb nach Berücksichtigung des Alters und des BMI bestehen. Die Autoren hielten es deshalb für unwahrscheinlich, dass die Zunahme des Übergewichts allein den Rückgang erklären könne.

Übergewicht, Diabetes und das metabolische Syndrom

Über die Ursachen wird nun gestritten. Das ist wissenschaftlich richtig und auch politisch vermutlich unvermeidlich.

Übergewicht ist ohne Zweifel ein wichtiger Faktor. Fettgewebe ist kein passiver Energiespeicher. Es greift aktiv in den Hormonstoffwechsel ein. Unter anderem kann dort über das Enzym Aromatase Testosteron vermehrt in Östrogene umgewandelt werden.

Hinzu kommen Insulinresistenz, chronisch erhöhte Entzündungswerte, Fettleber, Schlafapnoe und Bewegungsmangel. Auch Diabetes und das metabolische Syndrom gehen häufig mit niedrigeren Testosteronwerten einher.

Professor Levine schätzt, dass möglicherweise ein Viertel bis die Hälfte des beobachteten Rückgangs durch Übergewicht und Stoffwechselstörungen erklärt werden könnte. Andere Fachleute halten sogar einen noch größeren Anteil für möglich. Bewiesen ist eine solche vollständige Erklärung bisher jedoch nicht.

Wahrscheinlich ist für mich, dass mehrere Entwicklungen zusammenwirken…

Endokrine Disruptoren: Hormone aus der Umwelt

Ich habe auch hormondisruptive Substanzen in Verdacht wie Weichmacher etc.

In den vergangenen Jahrzehnten ist die Belastung mit hormonell wirksamen Substanzen zu einem ernsthaften Forschungsgebiet geworden.

Dazu gehören beispielsweise bestimmte Phthalate, Bisphenole, Pestizide, PFAS und andere Industriechemikalien. Solche Stoffe können hormonelle Signalwege beeinflussen, die Testosteronproduktion stören oder bereits während der Schwangerschaft und frühen Kindheit in die Entwicklung des männlichen Fortpflanzungssystems eingreifen.

Das bedeutet nicht, dass jede Kunststoffverpackung einen Testosteronmangel verursacht. So simpel funktioniert Biologie nicht. Die mögliche Wirkung entsteht vielmehr durch langfristige Belastung, Stoffgemische, empfindliche Entwicklungsphasen und individuelle Unterschiede.

Die neue Meta-Auswertung beweist nicht, dass endokrine Disruptoren den 54-prozentigen Rückgang verursacht haben. Sie macht die Frage aber dringlicher. Wer sie vorschnell beiseiteschiebt, weil sich nicht jede einzelne Chemikalie sauber einem bestimmten Hormonwert zuordnen lässt, verwechselt fehlende Vollständigkeit mit Entwarnung.

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Was außerdem den Testosteronspiegel drückt

Der moderne Mann lebt hormonell nicht unbedingt in einer besonders günstigen Umgebung.

Viele bewegen sich zu wenig, verlieren Muskulatur, schlafen schlecht und verbringen ihre Tage unter Kunstlicht vor Bildschirmen. Dazu kommen Alkohol, chronischer Stress, bestimmte Medikamente, Schlafapnoe und eine Ernährung, die zwar reich an Kalorien, aber nicht zwingend reich an Vitalstoffen ist.

Auch extreme Diäten können problematisch sein. Testosteron wird aus Cholesterin gebildet. Eine dauerhaft sehr fettarme Ernährung kann deshalb ungünstig sein. Eine Meta-Analyse kontrollierter Ernährungsstudien kam zu dem Ergebnis, dass fettarme Ernährungsformen im Vergleich zu fettreicheren Varianten das Gesamt- und freie Testosteron leicht senken können. Die Zahl der untersuchten Männer war allerdings gering, weshalb daraus keine pauschale Empfehlung für besonders fettreiche Kost abgeleitet werden sollte.

Der Körper braucht weder Dauerfastfood noch hormonelle Askese. Er braucht ausreichend Energie, hochwertige Fette, Eiweiß, Mikronährstoffe, Bewegung, Schlaf und eine funktionierende Stoffwechsellage.

Eigentlich keine spektakuläre Erkenntnis. Nur offenbar eine, die in unserer Lebensweise zunehmend unter die Räder kommt.

Was ein niedriger Testosteronspiegel bedeuten kann

Testosteron wird gern auf Libido und Muskelaufbau reduziert. Das greift deutlich zu kurz.

Das Hormon spielt eine Rolle bei:

  • Muskelmasse und Kraft
  • Knochendichte
  • Blutbildung
  • Sexualfunktion und Spermienproduktion
  • Energie und Antrieb
  • Fettverteilung
  • Stoffwechsel
  • Stimmung und Belastbarkeit

Ein einzelner niedriger Laborwert beweist allerdings noch keinen behandlungsbedürftigen Testosteronmangel. Die Werte schwanken im Tagesverlauf und können durch Schlafmangel, akute Erkrankungen, Kaloriendefizite oder starke Belastungen vorübergehend sinken.

Gemessen werden sollte deshalb morgens, möglichst unter vergleichbaren Bedingungen und bei auffälligem Ergebnis ein zweites Mal. Neben dem Gesamt-Testosteron können je nach Situation auch SHBG, freies oder berechnetes Testosteron, LH, FSH, Prolaktin, Schilddrüsenwerte und Stoffwechselparameter sinnvoll sein.

Testosteron einfach spritzen?

Die naheliegende Antwort der Reparaturmedizin lautet auch hier: Wenn etwas fehlt, führen wir es von außen zu. Das kann bei einem eindeutig diagnostizierten Hypogonadismus medizinisch sinnvoll sein. Es ist aber keine harmlose Lifestyle-Therapie.

Von außen zugeführtes Testosteron kann die körpereigene Hormonachse bremsen. Die Ausschüttung von LH und FSH sinkt, die Hoden produzieren weniger eigenes Testosteron und die Spermienbildung kann deutlich zurückgehen oder zeitweise ganz zum Erliegen kommen.

Gerade Männer mit Kinderwunsch sollten deshalb nicht leichtfertig mit Testosteronpräparaten behandelt werden. Andrologen warnen ausdrücklich davor, die vermeintliche Lösung aus sozialen Medien mit einer echten Therapie zu verwechseln. Der Wert mag auf dem Laborzettel steigen, aber die Fruchtbarkeit kann dabei abstürzen.

Was Männer selbst tun können

Vor einer Hormonersatztherapie sollte nach den Ursachen gesucht werden. Bei Übergewicht kann bereits eine deutliche Gewichtsreduktion den Testosteronspiegel verbessern. Entscheidend ist vor allem der Abbau des viszeralen Bauchfetts. Krafttraining ist besonders wertvoll, weil Muskulatur den Stoffwechsel verbessert und altersbedingtem Muskelverlust entgegenwirkt.

Ebenso wichtig sind guter Schlaf und die Abklärung einer möglichen Schlafapnoe. Wer nachts ständig Atemaussetzer hat, lebt hormonell im Dauerstress.

Hinzu kommen:

  • ausreichend Eiweiß und hochwertige Fette
  • eine gute Versorgung mit Zink, Magnesium und Vitamin D
  • weniger Alkohol
  • Behandlung von Insulinresistenz und Fettleber
  • regelmäßige intensive Bewegung
  • möglichst geringe Belastung durch unnötige hormonaktive Chemikalien (Entgiftung!)

Dabei geht es nicht um die Illusion, man könne sämtliche Umweltstoffe vermeiden. Man kann aber Lebensmittel nicht ständig in Plastik erhitzen, Duftstoffe und Chemikalien wahllos verwenden und anschließend behaupten, Exposition spiele grundsätzlich keine Rolle.

Zwischen Panik und Gleichgültigkeit liegt noch immer die Vernunft.

Fazit

Die neue Auswertung liefert eine beunruhigende Größenordnung: Der durchschnittliche Testosteronspiegel von Männern könnte zwischen 1972 und 2019 um mehr als die Hälfte gesunken sein. Ich halte das für sehr wahrscheinlich, denn meine Praxiserfahrung bestätigt diese Zahlen.

Die genaue Zahl muss nach Veröffentlichung der vollständigen Arbeit noch kritisch geprüft werden. Die grundsätzliche Entwicklung ist jedoch nicht neu. Studien aus den USA, Finnland, Dänemark und Israel zeigen seit Jahren einen altersunabhängigen Rückgang.

Übergewicht, Diabetes und Stoffwechselstörungen gehören mit Sicherheit zu den wichtigsten Ursachen. Ob sie alles erklären, ist offen. Endokrine Disruptoren, Umweltbelastungen, schlechter Schlaf, Bewegungsmangel, Medikamente und veränderte Ernährungsweisen gehören ebenfalls auf den Prüfstand.

Die Nachricht lautet: Mit der männlichen Stoffwechsel-, Hormon- und Fortpflanzungsgesundheit stimmt etwas grundsätzlich nicht mehr.

Und wer bei einem Rückgang um mehr als 50 Prozent lediglich mit den Schultern zuckt, hat möglicherweise nicht nur ein Testosteronproblem.

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