ACE-Hemmer-Angioödem: Gefährliche Schwellung noch nach Jahren

René Gräber warnt vor einem möglichen Angioödem durch ACE-Hemmer mit plötzlichen Schwellungen von Lippen, Zunge und Rachen.

Aus der Naturheilpraxis von René Gräber / Kategorie: Medikamente

Ein Patient nimmt seinen Blutdrucksenker seit fünf, acht oder vielleicht sogar fünfzehn Jahren. Das Medikament wurde immer gut vertragen. Kein Ausschlag, keine erkennbare Allergie, kein Anlass zur Sorge.

Und dann schwillt plötzlich die Lippe an. Wenig später vielleicht auch die Zunge. Das Schlucken fällt schwer, die Stimme verändert sich oder es entsteht das Gefühl, der Rachen werde enger.

Naheliegend ist zunächst der Gedanke an eine allergische Reaktion: etwas Falsches gegessen, ein Insektenstich, ein neues Lebensmittel oder ein anderes Medikament. Es kann allerdings auch der Blutdrucksenker sein, der seit Jahren scheinbar problemlos eingenommen wurde.

Die britische Arzneimittelbehörde MHRA hat im Juni 2026 ausdrücklich daran erinnert, dass sogenannte ACE-Hemmer auch nach monate- oder jahrelanger Einnahme ein Angioödem auslösen können. Besonders gefährlich wird es, wenn Zunge, Rachen oder Kehlkopf betroffen sind. Dann kann aus einer zunächst harmlos wirkenden Schwellung innerhalb kurzer Zeit ein medizinischer Notfall werden.

Was ist ein Angioödem?

Bei einem Angioödem sammelt sich Flüssigkeit in tieferen Haut- oder Schleimhautschichten. Häufig betroffen sind:

  • Lippen,
  • Wangen und Gesicht,
  • Zunge,
  • Rachen und Kehlkopf,
  • seltener Hände, Füße oder der Magen-Darm-Trakt.

Eine geschwollene Lippe sieht zunächst vielleicht nur sonderbar aus. Eine Schwellung der Zunge oder des Kehlkopfes kann dagegen die Atemwege verlegen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte weist ausdrücklich darauf hin, dass Angioödeme im Bereich von Zunge, Rachen oder Kehlkopf wegen der möglichen Erstickungsgefahr lebensbedrohlich werden können.

Auch starke, unerklärliche Bauchschmerzen oder Bauchkrämpfe können in seltenen Fällen dazugehören, wenn die Schleimhäute des Darms betroffen sind.

Welche Blutdruckmittel sind ACE-Hemmer?

ACE-Hemmer werden nicht nur gegen Bluthochdruck eingesetzt. Sie kommen auch bei Herzschwäche, nach einem Herzinfarkt, bei bestimmten Nierenerkrankungen und zur Senkung des kardiovaskulären Risikos zum Einsatz.

Die Wirkstoffnamen enden meistens auf „-pril“. Häufig verwendete Beispiele sind:

  • Ramipril,
  • Enalapril,
  • Lisinopril,
  • Perindopril,
  • Captopril,
  • Fosinopril,
  • Trandolapril,
  • Benazepril,
  • Moexipril,
  • Zofenopril.

Die europäische Pharmakovigilanz führt darüber hinaus weitere Vertreter wie Cilazapril, Delapril, Imidapril und Quinapril auf.

Dabei reicht es nicht immer, nur den Namen auf der Vorderseite der Packung zu kennen. ACE-Hemmer werden häufig als Kombinationspräparate angeboten, beispielsweise zusammen mit einem Entwässerungsmittel oder einem Calciumantagonisten. Entscheidend ist daher der Wirkstoff, nicht allein der Handelsname.

Wer dauerhaft Medikamente einnimmt, sollte ohnehin eine aktuelle Medikamentenliste bei sich tragen auf Papier, im Mobiltelefon oder über die elektronische Patientenakte (von der ich allerdings nichts halte – siehe hier: Elektronische Patientenakte: Fortschritt oder Einfallstor für Datenmissbrauch?)

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Warum kann die Reaktion erst nach Jahren auftreten?

ACE steht für „Angiotensin Converting Enzyme“. Dieses Enzym ist an der Regulation des Blutdrucks beteiligt. ACE-Hemmer vermindern unter anderem die Bildung des gefäßverengenden Angiotensin II. Dadurch entspannen sich die Blutgefäße und der Blutdruck kann sinken.

Das Enzym ist jedoch noch an einem zweiten Vorgang beteiligt: Es baut den Botenstoff Bradykinin ab. Wird ACE gehemmt, kann sich bei empfindlichen Menschen mehr Bradykinin im Gewebe ansammeln. Bradykinin erhöht die Durchlässigkeit der Gefäße. Flüssigkeit tritt in das umliegende Gewebe aus und verursacht die Schwellung.

Dieser Mechanismus erklärt auch den bekannten ACE-Hemmer-Husten. Angioödeme sind deutlich seltener, aber potenziell wesentlich gefährlicher. Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft ordnet sowohl Reizhusten als auch Angioödeme dem Einfluss der ACE-Hemmer auf den Bradykininstoffwechsel zu.

Warum manche Menschen bereits kurz nach Therapiebeginn reagieren, andere erst nach Jahren und die meisten überhaupt nicht, ist nicht vollständig geklärt. Vermutlich kommen mehrere Faktoren zusammen: individuelle Enzymaktivität, genetische Veranlagung, Alter, Begleiterkrankungen, Rauchen und weitere Medikamente.

Nach Angaben der MHRA trat bei ungefähr der Hälfte der ausgewerteten britischen Verdachtsfälle mit bekannter Zeitangabe das Angioödem erst 30 Tage oder später nach Beginn der Behandlung auf. In Herstellerdaten lagen etwa 20 bis 30 Prozent der gemeldeten Fälle jenseits der ersten 30 Behandlungstage. Berichtet wurden auch Reaktionen nach mehreren Jahren unauffälliger Einnahme.

Die jahrelange gute Verträglichkeit ist daher kein sicherer Freibrief.

Nicht jede Schwellung ist eine Allergie

Viele Angioödeme werden durch Histamin vermittelt. Das ist der Mechanismus, den man von klassischen allergischen Reaktionen kennt. Häufig kommen dann weitere Zeichen hinzu:

  • Juckreiz,
  • Quaddeln oder Nesselsucht,
  • Hautrötung,
  • mitunter Kreislaufprobleme oder Atemnot.

Das durch ACE-Hemmer ausgelöste Angioödem ist dagegen häufig bradykininvermittelt. Es verläuft meist ohne Juckreiz und ohne Nesselsucht. Die Schwellung kann langsamer beginnen und dennoch gefährlich fortschreiten.

Das Problem: Eine bradykininvermittelte Reaktion spricht häufig schlecht oder gar nicht auf die übliche Behandlung einer allergischen Anaphylaxie an. Adrenalin, Antihistaminika und Kortison sind bei einer echten allergischen Reaktion wichtig. Sie beseitigen aber nicht automatisch eine durch Bradykinin verursachte Schwellung. Die MHRA weist deshalb darauf hin, dass bei fehlendem Ansprechen auf die Standardbehandlung an ein ACE-Hemmer-Angioödem gedacht werden muss.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Patienten oder Angehörige im Notfall darüber diskutieren sollen, welches Medikament der Notarzt verwenden darf. Es bedeutet: Die Einnahme eines ACE-Hemmers muss sofort erwähnt werden.

Bei diesen Zeichen zählt keine Beobachtungszeit

Rufen Sie sofort den Notruf 112, wenn unter einem ACE-Hemmer eines der folgenden Symptome auftritt:

  • Schwellung der Zunge,
  • zunehmende Schwellung von Lippen oder Gesicht,
  • Engegefühl im Hals,
  • Schluckbeschwerden,
  • Atemnot,
  • pfeifende oder geräuschvolle Atmung,
  • veränderte oder heisere Stimme,
  • das Gefühl, der Rachen werde enger.

Nicht selbst zum Arzt fahren, wenn Atmung oder Schlucken beeinträchtigt sind. Nicht erst abwarten, ob ein Antiallergikum hilft. Nicht schlafen gehen, um am nächsten Morgen weiterzusehen.

Bei Verdacht auf ein ACE-Hemmer-Angioödem empfiehlt die MHRA, keine weitere Dosis einzunehmen und unverzüglich medizinische Hilfe zu suchen. Die weitere Medikamentenentscheidung gehört anschließend in ärztliche Hand.

Im Notruf oder gegenüber dem Rettungsdienst sollte möglichst klar gesagt werden:

„Ich nehme einen ACE-Hemmer und habe plötzlich eine Schwellung von Lippe, Zunge oder Rachen.“

Dazu gehört der genaue Wirkstoffname, beispielsweise Ramipril, Enalapril oder Lisinopril.

Nach dem Angioödem einfach wieder weiternehmen?

Nein. Wenn ein Angioödem wahrscheinlich durch einen ACE-Hemmer ausgelöst wurde, soll das Präparat nach der aktuellen MHRA-Warnung abgesetzt und nicht erneut angesetzt werden.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Betroffene anschließend ohne Blutdruckbehandlung bleiben sollen. Hoher Blutdruck, Herzschwäche oder Nierenerkrankungen verschwinden schließlich nicht dadurch, dass ein Medikament unverträglich geworden ist. Aber es gibt natürlich Alternativen über die ich immer wieder schreibe, unter anderem in meinem Grundsatzartikel: Bluthochdruck senken – natürlich mit Naturheilkunde

Die Therapie muss neu geordnet werden. Je nach Erkrankung, Blutdruck, Nierenfunktion, Kaliumwerten und weiteren Medikamenten kommen andere Wirkstoffgruppen infrage. Häufig werden Sartane als mögliche Alternative geprüft, weil sie den Bradykininabbau nicht in derselben Weise hemmen. Allerdings können auch unter Sartanen selten Angioödeme auftreten. Das BfArM nennt sowohl ACE-Hemmer als auch Angiotensin-Rezeptorblocker als mögliche Auslöser nichtallergischer Angioödeme. Naja…

Sollte jeder seinen ACE-Hemmer jetzt absetzen?

Natürlich nicht. ACE-Hemmer sind bewährte und in vielen Situationen sehr nützliche Arzneimittel. Sie können den Blutdruck senken, das Herz entlasten und bei bestimmten Patienten das Risiko schwerer Folgeerkrankungen reduzieren. Eine seltene, aber ernsthafte Nebenwirkung macht ein Medikament nicht grundsätzlich schlecht.

Falsch wären beide Extreme:

  • die Nebenwirkung zu verharmlosen, weil der Patient das Medikament schon jahrelang vertragen hat;
  • aus Angst vor einem seltenen Ereignis eine notwendige Therapie eigenmächtig abzubrechen.

Vernünftig ist, die eigenen Wirkstoffe zu kennen, Warnzeichen ernst zu nehmen und die Blutdruckbehandlung regelmäßig überprüfen zu lassen.

Wann sollte die Blutdrucktherapie grundsätzlich überprüft werden?

Viele Menschen erhalten irgendwann einen Blutdrucksenker und nehmen ihn anschließend über Jahre weiter. Dabei verändern sich Körpergewicht, Bewegung, Ernährung, Nierenfunktion, Stressbelastung und Begleitmedikamente.

Eine Medikationsüberprüfung ist besonders sinnvoll, wenn:

  • der Blutdruck wiederholt sehr niedrig oder weiterhin deutlich zu hoch ist,
  • Schwindel, Schwäche oder Stürze auftreten,
  • sich Nierenwerte oder Kaliumwerte verändern,
  • mehrere Blutdruckmittel parallel eingenommen werden,
  • neue Medikamente hinzugekommen sind,
  • Gewichtsverlust, Fasten oder eine deutliche Lebensstiländerung erfolgt sind,
  • Reizhusten, wiederkehrende Schwellungen oder andere mögliche Nebenwirkungen auftreten.

Dabei geht es nicht darum, Blutdruckmedikamente möglichst schnell loszuwerden. Es geht darum, regelmäßig zu prüfen, ob Wirkstoff, Dosierung und Kombination noch zum Patienten passen.

„Einmal eingestellt, für immer erledigt“ ist bei einer chronischen Medikation kein besonders kluges Konzept.

Mein Fazit

Ein Angioödem unter ACE-Hemmern ist selten. Selten bedeutet allerdings nicht belanglos.

Das Tückische besteht darin, dass die Reaktion auch nach jahrelanger problemloser Einnahme auftreten kann. Wird sie vorschnell als gewöhnliche Allergie abgetan, kann wertvolle Zeit verloren gehen. Deshalb sollte jeder, der Ramipril, Enalapril, Lisinopril, Perindopril oder einen anderen ACE-Hemmer einnimmt, drei Dinge wissen:

Erstens: Eine plötzliche Schwellung kann vom Medikament kommen, auch nach Jahren.

Zweitens: Schwellungen von Zunge oder Rachen, Atemnot und Schluckbeschwerden gehören sofort in die Notfallmedizin.

Drittens: Der genaue Wirkstoff muss Ärzten und Rettungsdienst genannt werden, weil ein bradykininvermitteltes Angioödem anders reagieren kann als eine klassische Allergie.

Man muss vor Medikamenten keine Angst haben. Man sollte nur wissen, was man einnimmt und welche Warnzeichen man nicht ignorieren darf.

Ach ja… Ich hatte ja meinen Beitrag schon erwähnt oder?
Bluthochdruck senken – natürlich mit Naturheilkunde

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