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Update 2025: Fluorchinolone stehen erneut unter Sicherheitsdruck. Die britische MHRA hat im Juni 2025 eine neue Sicherheitsbewertung veröffentlicht. Eine große deutsche Kohortenstudie in BMC Medicine liefert zusätzliche Real-World-Daten zu schweren Ereignissen nach Fluorchinolon-Verordnung. Damit ist das Thema mal wieder aktueller denn je!

Beginnen wir mit der Frage:

Was sind eigentlich Fluorchinolone?

Fluorchinolone sind Antibiotika, die eine Untergruppe der Chinolone bilden. Wie Letztere gehören die Fluorchinolone zu den Gyrasehemmern. Die Vertreter der neueren Generation sind zudem in der Lage, auch andere bakterielle Enzymsysteme nachteilig zu beeinflussen, wie zum Beispiel die Topoisomerase IV.

Bakterien und andere Prokaryoten besitzen ein Enzym, die Gyrase, dessen Aufgabe es ist, die DNA eines Bakteriums so zu spiralisieren, dass sie in den Zellraum des Bakteriums passt. Ohne diese Spiralisierung würde der Raum zu eng werden und die DNA könnte bei Vermehrungsprozessen nicht korrekt abgelesen werden.

Wenn eine DNA-Informationen abgerufen werden soll, muss das Molekül an dem betreffenden Genlocus entspiralisiert werden. Auch das ist die Aufgabe des Enzyms, dass die entwundenen Bereiche nach erfolgter Transkription der DNA in RNA wieder aufrollt. Mit der Hemmung der Gyrase wird also genau dieser Mechanismus genutzt, um eine Vermehrung der Bakterien zu verhindern.

Die Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie hat die Fluorchinolone in vier Gruppen eingeteilt:

  • Orale Fluorchinolone gegen Harnwegsinfekte
  • Systemisch eingesetzte Fluorchinolone mit erweiterter Indikationsbreite
  • Fluorchinolone mit verbesserter Wirkung gegen grampositive und atypische Erreger
  • Wie zuvor, plus Wirksamkeit gegen Anaerobier

Die wichtigsten Vertreter aufgelistet nach Gruppenzugehörigkeit sind:

  • Gruppe 1: Enoxacin, Norfloxacin
  • Gruppe 2: Ciprofloxacin, Ofloxacin
  • Gruppe 3: Levofloxacin
  • Gruppe 4: Moxifloxacin

Wie alle Medikamente haben die Fluorchinolone Nebenwirkungen auf dem Beipackzettel stehen.

Aber wie es aussieht, haben die Fluorchinolone derart schwere Nebenwirkungen, die selbst für Antibiotika untypisch sind. Dazu gehören lebenslange Schädigungen des Organismus und sogar das vorzeitige Ableben der betroffenen Patienten.

Damit würden sie sich bestenfalls für die Behandlung von Infektionen eignen, die auf andere Antibiotika nicht mehr ansprechen oder Infektionen von besonders ernster Natur. Statt dessen jedoch werden sie verteilt, wie die Kamellen im Kölner Karneval.

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Wirkmechanismus der Fluorchinolone: Tod der körpereigenen Zellkraftwerke

Im August 2018 erschien eine finnische Studie über den Wirkmechanismus, der die zahlreichen Nebenwirkungen der Fluorchinolone hervorruft. Die Forscher gingen von der Überlegung, dass die Mitochondrien all unserer Zellen den Bakterien grundsätzlich sehr ähnlich sind.

Diese kleinen „Zellkraftwerke“ waren einst Mikroben, die von höheren Zellen einverleibt und zu ihren Symbionten wurden. Deswegen tragen wir die ehemaligen Bakterien immer noch in unseren Zellen, als unentbehrliche kleine Helfer unseres Stoffwechsels. Bemerkenswert ist nun die Tatsache, dass Mitochondrien aus diesem Grund eine den Bakterien sehr ähnliche DNA (mtDNA) haben. Das Erbmolekül liegt bei ihnen ebenfalls in einer spiralisierten Form vor. Deshalb brauchen Mitochondrien auch Enzyme, die die DNA zur Nutzung entspiralisert.

Diese Topoisomerase II ist der Gyrase der Bakterien fast identisch. Und sie wird durch Fluorchinolole ebenso blockiert wie das Enzym der unerwünschten Eindringlinge. Die geschädigten Zellorganellen können ihrer „Wirtszelle“ nicht mehr genug Energie liefern, wodurch sie nachhaltig geschwächt wird. Besonders die Zellteilung und die Zell-Differenzierung sind stark behindert. Die Wissenschaftler kultivierten Mauszellen, die mit den Fluorchinololen Ciprofloxacin und Doxorubicin behandelt wurden.

Anschließend extrahierten die Forscher die mtDNA. Daneben ermittelten sie die Aktivität der Topoisomerase in vitro. Mit beiden Techniken konnte eine Blockade des mitochondrialen Enzyms nachgewiesen werden. Die untersuchten Antibioitika stören demnach die Zell-Physiologie ganz erheblich. Schwere Nebenwirkungen sind also kein Wunder…

Fluorchinolone – gegen Bakterien und Patient?

Die Fluorchinolone haben als integralen „Baustein“ ein Fluoratom in ihrer molekularen Struktur. Fluor ist ein bekanntes Nervengift. Außerdem dringen Substanzen mit angeheftetem Fluor leichter und schneller in das Gewebe ein. Dazu kommt noch, dass die Fluorchinolone in der Lage sind, die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden, eine Eigenschaft, die nicht jedem Antibiotikum zukommt. Dies ist der Grund, warum gerade die Fluorchinolone wesentlich häufiger Schäden im zentralen Nervensystem bewirken als andere Antibiotika.

Es gibt inzwischen eine recht lange Liste von Fluorchinolonen, die genau deswegen schon wieder vom Markt verschwunden sind: Fleroxacin, Gatifloxacin, Grepafloxacin, Pefloxacin, Sparfloxacin, Temafloxacin, Trovafloxacin und noch ein paar weitere.

Trovafloxacin zum Beispiel ist ein Produkt der Firma Pfizer. Die Firma testete 1996 das Antibiotikum in Nigeria an 200 Kindern. Das Mittel wurde hier erstmals an Menschen erprobt. In der Folge starben 5 Kinder und weitere erlitten dauerhafte Schädigungen. Zudem war das Studiendesign so ausgelegt, dass den erkrankten Kindern als Studienobjekte erwiesenermaßen wirksame Medikamente vorenthalten wurden.

Trotz der alarmierenden Ergebnisse bezüglich der Sicherheit und Verträglichkeit der Substanz, wurde sie 1998 zugelassen und in der Folge das am meisten verkaufte Präparat der Firma. Einige Jahre später zeigte sich dann, dass das Antibiotikum schwere Leberschäden verursacht, die häufig einen tödlichen Ausgang nahmen.

Die Fluorchinolone, die heute noch auf dem Markt sind, müssen in der USA einen separaten Warnhinweis (black box warning) auf dem Etikett führen, der die schwersten Nebenwirkungen noch einmal besonders deutlich hervorhebt. Eine der führenden Nebenwirkungen ist der Abriss von Sehnen beziehungsweise dessen erhöhtes Risiko unter einer Therapie mit Fluorchinolonen vom Faktor drei bis vier.

Aber dabei soll es nicht bleiben.

Die lange Liste der Nebenwirkungen

Die Liste der Nebenwirkungen ist richtig lang und liest sich wie das „Who is who“ der Unverträglichkeiten:

  • Ablösung der Retina und daraus resultierende Erblindung
  • Akutes Nierenversagen
  • Bewusstseinseintrübung, nachlassende kognitive Fähigkeiten
  • Depressionen
  • Halluzinationen
  • Psychotische Reaktionen
  • Schmerzhafte Ausschläge
  • Phototoxie
  • Übelkeit und Durchfälle
  • Hörprobleme
  • Störungen der körpereigenen Blutzuckerregulation
  • Neuropathien

Im Jahr 2001 dokumentierte Dr. Jay Cohen in einer Studie die folgenden Nebenwirkungen und ihre Häufigkeit (Peripheral neuropathy associated with fluoroquinolones.):

  • Beeinträchtigungen des Nervensystems erfolgte bei 91 Prozent der Patienten, die über Schmerzen, Kribbeln, Taubheit, Schwindel, Übelkeit, Mattheit, Kopfschmerzen, Unruhe, Gedächtnisverlust, Psychosen und so weiter klagten.
  • Muskuloskelettale Symptome bei 73 Prozent der Patienten, wie Sehnenabrisse, Sehnenentzündungen, Gelenkschwellungen und so weiter.
  • Beeinträchtigungen der Wahrnehmung bei 42 Prozent, wie Tinnitus (Ohrenklingeln), Veränderungen des Hörens, Riechens und Schmeckens.
  • Kardiovaskuläre Symptome bei 36 Prozent der Patienten, wie Tachykardien (überhöhte Pulsfrequenz), Kurzatmigkeit, Brustschmerz, Herzklopfen.
  • Hautreaktionen bei 29 Prozent, wie Ausschläge, Erbrechen, Durchfälle, Bauchschmerzen.

Schon alleine die große Anzahl an unterschiedlichen Nebenwirkungen und deren jeweilige hohe Häufigkeit stellt bei dieser Antibiotika-Gruppe die Nutzen-Schaden-Relation in Frage. Bei einfachen Infektionen diese Substanz-Gruppe zum Einsatz zu bringen, das hört sich für mich so an, als ob man Russisches Roulett spielen wollte.

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Das Roulett-Spiel geht weiter…

Der prophylaktische Einsatz von Antibiotika beziehungsweise der Einsatz auch bei leichten Infektionen und die Rückstände von Antibiotika im Fleisch von Zuchttieren werden als die Hauptgründe für die Entwicklung von Resistenzen bezeichnet. Besonders üble Vertreter und somit besonders gefürchtet sind der Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA), Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE) und das resistente Clostridium difficile (C. diff), welches unter Umständen lebensbedrohliche Durchfälle verursacht. Wenn Sie Lust haben lesen Sie auch den Abschnitt in meinem Artikel: Wie man sich einen Horrorkeim züchtet

Eine Arbeit aus dem Jahr 2007 (Clostridium difficile: changing epidemiology und new treatment options.) bezeichnet Cephalosporine, Clindamycin und Fluorchinolone als „Hochrisiko-Antibiotika“ für die Entwicklung von C. diff und MRSA Infektionen. Ein zuvor seltener Stamm von C. diff, der ein schweres Krankheitsbild erzeugt mit erhöhten Konzentrationen an Toxinen, wurde in der Folge epidemisch.

Grund dafür war der Einsatz von Fluorchinolonen (The challenges posed by reemerging Clostridium difficile infection.). Eine Arbeit aus Kanada kommt zu genau den gleichen Ergebnissen (Emergence of Fluoroquinolones as the Predominant Risk Factor for Clostridium difficile–Associated Diarrhea: A Cohort Study during an Epidemic in Quebec).

Der durchgängige Mechanismus für dieses Phänomen ist der falsche Einsatz der Fluorchinolone. Da sie mit erheblichen Nebenwirkungen ausgestattet sind, sollten sie nur als Mittel der letzten Wahl bei lebensbedrohlichen Infektionen zum Einsatz kommen beziehungsweise bei antibiotikaresistenten Infektionen. Statt dessen jedoch kommen sie fast als „Standardmedikation“ zum Einsatz. Eine Studie aus dem Jahr 2011 ergab, dass 39 Prozent aller Fluorchinolon-Gaben überflüssig waren (Unnecessary use of fluoroquinolone antibiotics in hospitalized patients).

Andere Arbeiten in dieser Richtung sprechen sogar von einem über 80-prozentigen Missbrauch von Fluorchinolonen. In einem Interview mit der „New York Times“ porträtierte der pharmakologische Epidemiologe Mahyar Etminan den Übereinsatz so: „Dies machen faule Ärzte, die versuchen, eine Fliege mit einem Maschinengewehr zu erlegen“.

Als besonders gefährlich gelten die Substanzen für Kinder unter 18 Jahren und Erwachsene über 60 Jahre. Schwangere und stillende Mütter, Patienten mit Lebererkrankungen, Patienten mit Corticosteroiden als Medikation oder auch mit nicht-steroidalen Antirheumatika sollten auf keinen Fall Fluorchinolone einnehmen.

Fazit

Wer ein schulmedizinisches Abenteuer erleben will, der kann sich über die Einnahme von Fluorchinolonen den Kauf eines Revolvers ersparen. Statt dessen beschert ihm die Einnahme ein evidenzbasiertes schulmedizinisches Roulett. Wem das noch zu unbedenklich erscheint, der kann unter Die besten Medikamente zum Krankwerden? noch ein paar Zusatztipps bekommen, wie man erfolgreich und evidenzbasiert seine Gesundheit vor die Säue schmeißt.

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Kleine Anmerkung: Die Sache mit den „5 Wundermitteln“ ist mit Abstand der beliebteste Newsletter, den meine Patienten gerne lesen…

Der Beitrag wurde im April 2013 erstellt und letztmalig am 13.5.2026 mit den Warnungen der britischen MHRA ergänzt.

Bild: 123rf.com – Jupiter8

Wenn ein Nahrungsergänzungsmittel auch nur im Verdacht stünde, jedes Jahr auch nur ein paar Menschen ins Krankenhaus zu bringen, hätten wir Talkshows, Sonderkommissionen und vermutlich auch ziemlich schnell ein Verbot. Bei Medikamenten sieht das aber völlig anders aus. Da heißt es „Arzneimitteltherapiesicherheit“.

Und worum geht es genau?

Das Bundesgesundheitsministerium hatte am 1. April 2026 den neuen Aktionsplan Arzneimitteltherapiesicherheit 2026 bis 2029 beschlossen. Schon die Überschrift wirkt so, als sei von einem Amtschimmel geboren worden. In diesem Plan / Papier steht eine Zahl, die in jede Nachrichtensendung gehören müsste. Jährlich gibt es in Deutschland schätzungsweise 250.000 Krankenhauseinweisungen aufgrund von Medikationsfehlern. Das BMG schreibt dazu ausdrücklich: Diese seien potenziell vermeidbar.

250.000 – pro Jahr!

Nicht wegen Globuli oder Kurkuma oder Vitaminen, sondern wegen Fehlern im ganz normalen „Medikamentenbetrieb“.

Und das ist noch nicht alles. Im selben Aktionsplan heißt es: Etwa 3 bis 7 Prozent der Notaufnahmen in deutschen Krankenhäusern sind auf Nebenwirkungen von Arzneimitteln zurückzuführen. Die vom BMG geförderte ADRED Studie fand in vier zentralen Notaufnahmen: Bei 6,5 Prozent der untersuchten Patienten standen die Beschwerden im Zusammenhang mit unerwünschten Arzneimittelwirkungen. Von diesen Patienten wurden 98 Prozent stationär aufgenommen.

Allein vermeidbare, ambulant erworbene unerwünschte Arzneimittelwirkungen verursachen laut Aktionsplan in deutschen Notaufnahmen konservativ geschätzt jährliche Kosten von 1,3 Milliarden Euro.

So weit hat uns die Tabletten-Fresserei gebracht.

Nicht, dass das nicht alles „eigentlich“ bekannt wäre – es interessiert nur scheinbar keinen. In den letzten 20 Jahren hatte ich unzählige Beiträge veröffentlicht:

Und das ist nur eine kleine Auswahl.

Wenn ein Naturheilmittel solche Zahlen produzieren würde, wäre der öffentliche Prozess längst eröffnet. Dann würde man nicht von „Einzelfällen“ sprechen. Dann würde man nicht sagen: „Wir müssen die Prozesse verbessern.“ Dann hieße es: Gefahr für die Bevölkerung!

Bei Medikamenten dagegen bekommt das Ganze einen „digitalen Anstrich“:

Elektronische Patientenakte, Elektronisches Rezept, Elektronischer Medikationsplan, Digitale Medikationsprozesse usw. Das BMG nennt genau diese Punkte als zentrale Bausteine des neuen Aktionsplans. Forschung soll gestärkt werden, der elektronische Medikationsplan soll vollständiger, aktueller und verständlicher werden, und Ärzte, Apotheker und Pflegekräfte sollen enger zusammenarbeiten. Ach was?

Alles sinnvoll. Nur löst die Digitalisierung nicht das Grundproblem. Ein falscher Medikationsplan wird nicht besser, nur weil er jetzt digital falsch ist.

Das eigentliche Problem liegt aber noch viel tiefer. Es liegt in einer Medizin, die sehr gut darin ist, etwas zu verordnen, aber oft erstaunlich schlecht darin, etwas wieder abzusetzen. Besonders bei älteren Menschen entsteht nicht selten eine Medikamentenbiografie, bei der niemand mehr genau weiß, wann, warum und von wem welches Mittel begonnen wurde. Selbst viele Patienten wissen das oftmals nicht oder nicht mehr.

Der Kardiologe gibt etwas fürs Herz. Der Hausarzt ergänzt etwas für den Blutdruck. Der Orthopäde verordnet Schmerzmittel. Nach dem Klinikaufenthalt bleibt ein Magenschutz übrig. Gegen Schlafstörungen kommt noch etwas dazu. Und irgendwann sitzt ein Mensch mit sechs, acht oder zehn Präparaten am Küchentisch und hofft, dass die Kombination schon irgendwie stimmen wird.

Natürlich sind Medikamente manchmal notwendig. Ein korrekt eingesetztes Arzneimittel kann Leben retten, Schmerzen lindern, Entgleisungen verhindern. Darum geht es mir hier nicht. Es geht um etwas anderes: um die Bequemlichkeit der Dauerverordnung und viel zu wenig Kontrolle. Es geht um Wechselwirkungen und Doppelverordnungen, Dosierungen die für einen 45-jährigen Durchschnittspatienten vielleicht passen, aber nicht mehr für eine 82-jährige Frau mit eingeschränkter Nierenfunktion. Mit genau sowas schlage ich mich in der täglichen Praxis herum…

Die Zahl des BMG zeigt nur das, was ich in der Praxis erlebe: 250.000 Krankenhauseinweisungen pro Jahr durch Medikationsfehler. Das ist ein Massenphänomen. Und es betrifft vor allem Menschen, die ohnehin verletzlich sind: ältere Patienten, chronisch Kranke, Pflegebedürftige, Menschen mit mehreren Diagnosen und mehreren Ärzten.

Das Deutsche Ärzteblatt fasste den neuen Aktionsplan ebenfalls so zusammen: Dosierungen sollen optimiert und Wechselwirkungen durch ungeeignete Kombinationen verhindert oder schneller erkannt werden. Außerdem soll es um bessere Forschung, elektronische Medikationspläne und Maßnahmen zum sicheren Absetzen von Arzneimitteln gehen.

Das Wort „Absetzen“ ist hier entscheidend. Denn gute Medizin fragt nicht nur: Was können wir noch geben? Gute Medizin fragt auch: Was kann weg?

Diese Frage wird viel zu selten gestellt. Dabei wäre sie oft der Beginn echter Arzneimitteltherapiesicherheit. Nicht als Bürokratiebegriff, sondern ganz praktisch: Braucht dieser Patient dieses Medikament noch? Stimmt die Dosis? Gibt es Wechselwirkungen? Sind Nieren und Leber in der Lage, diese Stoffe sauber zu verarbeiten? Werden Nebenwirkungen vielleicht längst als neue Krankheit fehlgedeutet?

In der Praxis sehe ich das immer wieder: Schwindel, Müdigkeit, Muskelschwäche, Magenprobleme, Verwirrtheit, Stürze, Blutdruckschwankungen. Dann wird nicht selten das nächste Medikament gegen die Nebenwirkung des vorherigen Medikaments verordnet. So entsteht eine pharmakologische Kettenreaktion, bei der am Ende keiner mehr weiß, was Ursache und was Folge ist.

Es ist oftmals zum verzweifeln.

Und jetzt kommt der praktische Teil.

Jeder Mensch, der mehrere Medikamente nimmt, sollte seine Liste regelmäßig prüfen lassen, sondern sehr gründlich. Mit allen Präparaten auf dem Tisch. Auch mit den frei gekauften Mitteln: Schmerzmittel, Schlafmittel, Säureblocker, pflanzliche Präparate, Vitamine, Mineralstoffe. Alles gehört dazu.

Wichtige Fragen wären:

  • Brauche ich dieses Medikament noch?
  • Welche Wechselwirkungen gibt es?
  • Passt die Dosis zu Alter, Gewicht, Nierenwerten und Leberwerten?
  • Gibt es Beschwerden, die Nebenwirkungen sein könnten?
  • Kann etwas reduziert oder ausgeschlichen werden?
  • Und vor allem: Wer behält den Überblick?

Einer der größten Skandale in unserem „Gesundheitswesen“ (was für ein Witz dieser Name!) steht oft im Badezimmerschrank. Zwischen Blutdrucktabletten, Magenschutz, Schmerzmitteln, Schlafmitteln und alten Verordnungen, die nie jemand beendet hat.

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Im Kern geht es um Folgendes: „Experten“ (Mediziner, u.a.), welche wissenschaftliche Studien für die bekanntesten Medizinzeitschriften prüfen, haben Geld von Pharmafirmen erhalten – insgesamt über 1 Milliarde Dollar in drei Jahren.

Und das ist ziemlich grob! Das Spiel läuft also anscheinend so:

Teil 1 des „Spiels“:

Pharmafirma XYZ erstellt eine Studie zu einem Medikament. WIE diese „Studien“ ablaufen und ablaufen könnten (ich muss aufpassen was ich schreibe), hatte ich in unzähligen Beiträgen in den letzten Jahren dokumentiert. Hier eine kleine Auswahl:

Diese „Studien“ werden dann bei Fachmagazinen eingereicht, die diese „Studien“ veröffentlichen sollen. Diese Magazine wollen natürlich ordentlich arbeiten und lassen die Studien begutachten – das nennt sich „Peer-Review-System“.

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Und genau jetzt kommt Teil 2 dieses perfiden Spiels:

Teil 2 des Spiels: Die verborgenen Interessenkonflikte im Peer-Review-System

Das Peer-Review-Verfahren gilt als das Rückgrat der wissenschaftlichen Qualitätssicherung. Es ist der Prozess, der sicherstellen soll, dass nur fundierte und glaubwürdige Studien den Weg in renommierte Fachzeitschriften finden.

Doch eine aktuelle Analyse (Studie) offenbart: Diese Grundfesten der Wissenschaft sind noch mehr ins Wanken geraten. Mehr als die Hälfte der Peer-Reviewer von vier der weltweit angesehensten medizinischen Journale (BMJ, JAMA, Lancet und NEJM) haben innerhalb von drei Jahren finanzielle Zuwendungen von Pharma- oder Medizinprodukteunternehmen erhalten. Der Gesamtwert dieser Zahlungen beläuft sich auf beeindruckende 1,06 Milliarden Dollar.

Die Dimension des Problems

Die Untersuchung stützt sich auf Daten aus der US-amerikanischen Open Payments-Datenbank, in der finanzielle Zuwendungen von Unternehmen an Ärzte und Forschungseinrichtungen offengelegt werden. Die Forschergruppe verglich die Listen der Peer-Reviewer aus dem Jahr 2022 mit den Zahlungsdaten der Jahre 2020 bis 2022. Die Ergebnisse sind alarmierend: 59 Prozent der Reviewer haben Zahlungen erhalten. Allein 1 Milliarde Dollar floss an Einzelpersonen oder Institutionen für Studienärztetätigkeiten, während weitere 64,2 Millionen Dollar als „allgemeine Zahlungen“ verbucht wurden. Letztere umfassen Honorare, Geschenke, Reisekosten und sogar Mahlzeiten.

Einzelne Gutachter bekamen im Durchschnitt 7.614 US-Dollar (maximal 43.069 US-Dollar) für Geschenke, Reisen oder Honorare. Für Forschungsarbeiten kassierten sie durchschnittlich 153.173 US-Dollar, in Einzelfällen sogar bis zu 835.637 US-Dollar.

So sieht dann „unabhängige Wissenschaft“ aus?

Peer-Review-Verfahren – Ein WITZ?

Das Peer-Review-System gilt seit Jahrzehnten als Bollwerk gegen wissenschaftliche Fehltritte. Gutachter überprüfen Manuskripte anonym und beurteilen sie nach Kriterien wie methodischer Strenge, Plausibilität usw. Ihre Empfehlungen beeinflussen maßgeblich, ob ein Artikel veröffentlicht wird oder nicht.

Doch diese Untersuchung zeigt: Die Neutralität der Peer-Reviewer ist nicht garantiert. Interessenkonflikte entstehen, wenn Reviewer finanzielle Beziehungen zu Unternehmen haben, deren Produkte oder Technologien Gegenstand der begutachteten Forschung sind.

Solche Zahlungen beeinflussen die Gutachter? Studien werden plötzlich besser bewertet? Änderungen passen oft genau zu den Wünschen der Geldgeber? Alles Zufall?

Wer´s glaubt wird seelig!

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Transparenz? Fehlanzeige!

Die Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors (ICMJE) verlangen, dass Peer-Reviewer potenzielle Interessenkonflikte offenlegen. Theoretisch sollen sie sich bei Befangenheit von der Begutachtung eines Manuskripts zurückziehen. Doch die Praxis sieht anders aus. Die Offenlegung erfolgt nicht routinemäßig – weder gegenüber den Autoren noch der Öffentlichkeit. Die Reviewer bleiben anonym, und ihre finanziellen Verstrickungen bleiben verborgen.

Dieses intransparente System lässt Raum für Manipulationen. Wenn Gutachter die Inhalte von Studien ändern oder ihre Empfehlungen zugunsten bestimmter Interessen lenken, kann dies weitreichende Konsequenzen haben. Ihre Einflussnahme reicht oft weiter als die eines Co-Autors, bleibt jedoch im Verborgenen.

Die Verantwortung der Herausgeber

Auch die Herausgeber der Fachzeitschriften stehen in der Verantwortung. Ihre Entscheidungen für oder gegen eine Publikation basieren maßgeblich auf den Empfehlungen der Peer-Reviewer. Wenn diese jedoch durch finanzielle Interessenkonflikte gefärbt sind, kann dies die wissenschaftliche Integrität ganzer Journale untergraben.

Es stellt sich die Frage, warum diese Verflechtungen nicht längst systematisch offengelegt wurden? Während Autoren dazu verpflichtet sind, ihre Interessenkonflikte zu deklarieren, bleibt die Rolle der angeblichen „Gutachter“ weiterhin im Dunkeln!

Fazit

Es stinkt gewaltig! Mit dieser Art von Wissenschaft werden Medikamente auf den Markt gedrückt, die nicht das Wohl der Patienten, sondern die Gewinne der Unternehmen im Blick haben. Peer-Reviewer kassieren Millionen, während ihre Unabhängigkeit fragwürdig bleibt.

Wer immer noch glaubt, dass es in der Medizin weitgehend mit „rechten Dingen“ zugehe, glaubt vermutlich auch noch an den Weihnachtsmann. Dieser Glaube würde nicht schaden – aber die Einnahme von bestimmten Medikamenten?

Auch dazu hatte ich bereits mehrfach berichtet:

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Deutschland ist doch Weltmeister. Nein – nicht im Fußball, dafür aber im Pillenschlucken. Kein Volk der Welt greift so oft zu Medikamenten wie die Deutschen. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass jedes Jahr ca. 58.000 Deutsche an den Folgen von Medikamentennebenwirkungen versterben – wie zum Beispiel Prof. Fröhlich annimmt.

Aber es scheint keinen zu interessieren. Stattdessen diskutierten wir zum Beispiel im September 2017 über Dieselautos, was mich zu folgender Grafik/Frage veranlasste:

Weiterlesen

Der sogenannten „Wissenschaft“ bringen die meisten Menschen immer noch ein hohes Vertrauen entgegen. Vor allem auch in der Medizin.

Die medizinische Forschung verbinden wir mit der Hoffnung auf bessere Gesundheit und Heilung von lebensbedrohlichen Krankheiten. Die Massen-Medien und auch sogenannte „Gesundheitspolitiker“ zitieren täglich neue Studien-Ergebnisse, denen viele Menschen Glauben schenken möchten.

Dabei gibt es riesige Probleme mit eben diesen Studien.

Da ist zum einen das Problem, das Tausende von Ärzten Geld von Seiten der Pharmaindustrie für die Mitarbeit an „zumeist wertloser Forschung“ erhalten. Über diesen Sachverhalt berichteten u.a. Jürgen Dahlkamp und Udo Ludwig in einem Beitrag auf Spiegel-Online bereits im Jahr 2005. Weiterlesen

Als Patient sollten Sie sich immer fragen:

Würde Ihr Arzt selbst ein Medikament nehmen was er Ihnen verschreibt?

Würde Ihr Arzt bei sich die Operation durchführen lassen, die er selbst seinen Patienten empfiehlt?

Nun – wahrscheinlich können Sie sich die Antwort denken, wenn ich das schon frage…

In einigen Fällen lautet die Antwort nämlich NEIN.

Als Arzt spricht man generell über statistische Wahrscheinlichkeiten, Leitlinien und Therapieziele. Als Patient erlebt man Müdigkeit, Übelkeit, Muskelschmerzen, sexuelle Funktionsstörungen, Benommenheit oder die Angst vor einer Komplikation. Auf dem Papier heißt das dann meist nur: „Nebenwirkungen möglich.“ Solange der Patient die Tablette schluckt, bleibt die Nebenwirkung eine Zahl, aber sobald ein Arzt selbst betroffen ist, bekommt diese Zahl ein Gesicht… und dann schaut die Sache schon ganz anders aus.

Ärzte entscheiden für sich anders als für ihre Patienten

Natürlich beweist eine abweichende persönliche Entscheidung nicht, dass eine Therapie schlecht oder wirkungslos ist. Ein Arzt kann andere Vorerkrankungen, andere Risiken oder andere persönliche Vorstellungen haben als sein Patient.

Es gibt aber inzwischen mehrere Untersuchungen, in denen Ärzte bei identischen oder zumindest vergleichbaren Ausgangssituationen unterschiedliche Entscheidungen trafen – je nachdem, ob sie für einen Patienten oder für sich selbst entscheiden sollten.

Und genau da wird es interessant.

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Beispiel Migräne: Triptane für die Patienten – Zurückhaltung bei sich selbst

Eine deutsche Studie untersuchte Schmerztherapeuten, Neurologen, Kopfschmerzspezialisten und Hausärzte. Insgesamt nahmen 1.137 Ärzte teil. Erfragt wurde unter anderem, wie Ärzte ihre eigene Migräne behandelten und welche Therapien sie ihren Patienten empfahlen.

Das Ergebnis war bemerkenswert: Von den Kopfschmerzspezialisten mit eigener Migräne nahmen nur 36,4 Prozent selbst Triptane. Gleichzeitig hatten 94,4 Prozent ihren Patienten Triptane empfohlen.

Bei den Neurologen war der Unterschied noch größer: Nur 15,3 Prozent behandelten die eigene Migräne mit Triptanen, während 95 Prozent diese Wirkstoffgruppe ihren Patienten empfahlen.

Auch bei der medikamentösen Vorbeugung zeigte sich eine erhebliche Zurückhaltung. Nur 5,9 Prozent der Kopfschmerzspezialisten mit Migräne nahmen selbst ein vorbeugendes Medikament. Praktisch alle hatten eine solche medikamentöse Prophylaxe jedoch schon Patienten empfohlen.

Nun muss man fair bleiben: Die Ärzte wurden nicht danach gefragt, ob sie einem Patienten mit exakt derselben Migränehäufigkeit, denselben Begleiterkrankungen und denselben bisherigen Behandlungserfahrungen dieselbe Therapie empfehlen würden. Außerdem bedeutete „empfohlen“, dass sie diese Behandlung überhaupt schon einmal empfohlen hatten. Die Studie beweist daher nicht, dass Neurologen ihren Patienten Medikamente verordnen, die sie selbst grundsätzlich ablehnen.

Aber selbst die Autoren kamen zu dem vorsichtig formulierten Schluss, dass insbesondere Neurologen und Kopfschmerzspezialisten bei der Behandlung der eigenen Migräne erheblich zurückhaltender mit spezifischen Akut- und Vorbeugemedikamenten waren als bei ihren Empfehlungen an Patienten.

Mehr zu den Ursachen und naturheilkundlichen Behandlungsmöglichkeiten finden Sie in meinem Beitrag über Migräne – Naturheilkunde und Naturheilmittel

Psychiater: Für den Patienten das Medikament – für sich selbst erst einmal abwarten

Noch deutlicher wird der Unterschied bei einer randomisierten Untersuchung mit 515 deutschen Psychiatern. Die Ärzte bekamen identische Fallbeschreibungen vorgelegt. Ein Teil sollte eine Therapie für einen Patienten empfehlen. Ein anderer Teil sollte sich vorstellen, selbst erkrankt zu sein.

Im ersten Szenario ging es um depressive Beschwerden. Zur Wahl standen ein Antidepressivum oder zunächst beobachtendes Abwarten. Im zweiten Szenario ging es um einen Rückfall bei Schizophrenie. Zur Auswahl standen ein täglich einzunehmendes Medikament oder eine länger wirkende Depotinjektion.

Wenn die Psychiater für Patienten entschieden, empfahlen sie überwiegend die stärker eingreifende und leitliniennähere Variante: das Antidepressivum beziehungsweise die Depotinjektion. Wenn sie sich selbst als Patienten vorstellen sollten, entschieden sie sich häufiger für das Abwarten oder für die Tablette statt der Depotinjektion.

Besonders aufschlussreich: Selbst wenn der Patient ausdrücklich fragte:

„Was würden Sie tun, wenn Sie an meiner Stelle wären?“

blieben die Ärzte überwiegend in ihrer professionellen Rolle und gaben weiterhin die Empfehlung, die sie einem Patienten geben würden und nicht die Behandlung, die sie für sich selbst gewählt hatten. Der Arzt antwortet auf diese Frage offenbar nicht unbedingt als Mensch, der sich in Ihre Lage versetzt. Er antwortet weiterhin als Arzt, der eine fachlich und rechtlich vertretbare Empfehlung abgeben muss.

Das ist ein erheblicher Unterschied.

Hausärzte unterscheiden ebenfalls zwischen sich und ihren Patienten

Bereits 2005 wurden 286 britische Hausärzte gefragt, welche Behandlung sie bei sechs häufigen Beschwerden ihren Patienten empfehlen und welche Maßnahmen sie für sich selbst akzeptieren würden.

Auch hier zeigten sich Unterschiede, unter anderem bei Bluthochdruck, Depressionen, Verdauungsbeschwerden, Rückenschmerzen und anhaltender Müdigkeit. Die Abweichungen betrafen sowohl verschreibungspflichtige Medikamente als auch Überweisungen und ergänzende Therapieverfahren.

Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass Ärzte bei unkomplizierten Beschwerden eher bereit waren, sich so behandeln zu lassen wie ihre Patienten. Bei Erkrankungen, die eng mit Leitlinien verbunden oder gesellschaftlich belastet waren, zeigte sich dagegen häufiger ein Prinzip nach dem Muster:

„Tun Sie, was ich Ihnen rate nicht unbedingt das, was ich selbst tun würde.“

Wenn Überleben und Lebensqualität gegeneinander stehen

Eine weitere Untersuchung stellte amerikanischen Hausärzten zwei hypothetische Behandlungssituationen vor. Im ersten Szenario ging es um zwei Operationen bei Darmkrebs. Beide führten bei 80 Prozent der Patienten zu einer Heilung ohne Komplikationen. Eine Operation hatte eine niedrigere Sterblichkeit, konnte aber bei einigen Patienten zu einem künstlichen Darmausgang, chronischem Durchfall, Darmverschlüssen oder Wundinfektionen führen.

Die andere Operation vermied diese Komplikationen, war aber mit einer höheren Sterblichkeit verbunden. Von den Ärzten, die für sich selbst entscheiden sollten, wählten 37,8 Prozent die Operation mit der höheren Sterblichkeit, aber weniger möglichen Folgeproblemen. Sollten sie einem Patienten eine Behandlung empfehlen, entschieden sich nur 24,5 Prozent für diese Variante.

Im zweiten Szenario ging es um eine experimentelle Behandlung bei einer schweren Virusinfektion. Auch hier entschieden sich Ärzte für sich selbst häufiger gegen die Behandlung, obwohl dadurch ihr Sterberisiko höher war. Für ihre Patienten empfahlen sie dagegen häufiger die Therapie mit der besseren Überlebenswahrscheinlichkeit.

Man könnte daraus folgern, die Ärzte behandelten ihre Patienten besonders gewissenhaft, weil sie deren Überlebenschancen maximieren wollten.

Man könnte aber ebenso fragen:

Warum berücksichtigen Ärzte bei sich selbst Lebensqualität, mögliche Komplikationen und Unsicherheiten stärker als bei ihren Patienten?

Genau diese Faktoren gehören schließlich ebenfalls zu einer medizinischen Entscheidung.

Am Lebensende wird der Unterschied besonders sichtbar

Mehr als 4.300 Ärzte wurden gefragt, ob sie sich bei einer unheilbaren Krebserkrankung für eine Hospizversorgung entscheiden würden. 64,5 Prozent stimmten dem entschieden zu, weitere 21,4 Prozent zumindest eher. Insgesamt konnten sich somit fast 86 Prozent der Ärzte eine Hospizversorgung für sich selbst vorstellen.

Anschließend sollten sie angeben, wann sie mit einem Patienten sprechen würden, der nur noch eine geschätzte Lebenserwartung von vier bis sechs Monaten hatte. Nur 26,5 Prozent wollten das Thema Hospiz sofort ansprechen.

Fast die Hälfte (48,7 Prozent!) wollte warten, bis keine nichtpalliativen Behandlungen mehr angeboten werden konnten. Andere warteten auf erste Symptome, eine Krankenhauseinweisung oder darauf, dass der Patient beziehungsweise seine Familie das Thema selbst anspricht.

Für sich selbst würden die meisten Ärzte also frühzeitig eine Versorgung erwägen, bei der Lebensqualität und Beschwerdelinderung im Vordergrund stehen. Beim Patienten wird diese Möglichkeit häufig erst angesprochen, nachdem die gesamte therapeutische Maschinerie weitgehend abgearbeitet ist.

Das heißt nicht zwangsläufig, dass Ärzte ihren Patienten bewusst aggressive Behandlungen aufzwingen. Viele fürchten vermutlich, dem Kranken Hoffnung zu nehmen. Manche wollen jede noch vorhandene Behandlungsmöglichkeit ausschöpfen. Andere warten darauf, dass der Patient den ersten Schritt macht.

Nur: Wie soll der Patient eine Möglichkeit ansprechen, über die ihn niemand aufgeklärt hat?

Sterben Ärzte wirklich anders?

Häufig wird behauptet, Ärzte würden am Lebensende grundsätzlich auf Intensivmedizin und aggressive Behandlungen verzichten, weil sie deren Grenzen besser kennen. Die tatsächlichen Daten sind weniger eindeutig.

Eine amerikanische Untersuchung ergab, dass Ärzte etwas seltener im Krankenhaus starben, operiert oder auf einer Intensivstation behandelt wurden als die Allgemeinbevölkerung. Die Unterschiede waren allerdings nicht gewaltig.

Eine große kanadische Untersuchung mit 2.507 verstorbenen Ärzten und 7.513 vergleichbaren Nichtärzten zeigte dagegen ein gemischtes Bild. Ärzte erhielten häufiger palliative Leistungen, wurden aber zugleich etwas häufiger auf einer Intensivstation behandelt. Unter den Krebskranken erhielten sie in den letzten sechs Lebensmonaten sogar häufiger eine Chemotherapie.

Ärzte lehnen die sogenannte Hochleistungsmedizin für sich selbst also keineswegs grundsätzlich ab. Wahrscheinlich nutzen sie aufgrund ihres Wissens und ihrer Kontakte eher beide Möglichkeiten: intensive Behandlung, solange sie sich davon einen sinnvollen Nutzen versprechen – und palliative Unterstützung, sobald Beschwerden und Lebensqualität in den Vordergrund treten.

Genau diese differenzierte Beratung müsste auch jedem normalen Patienten zur Verfügung stehen.

Ist das nun ärztliche Heuchelei?

Manchmal vielleicht, doch in vielen Fällen dürfte das Problem tiefer liegen. Wenn Ärzte für einen Patienten entscheiden, stehen sie unter einem anderen Druck als bei einer persönlichen Entscheidung. Sie müssen Leitlinien beachten, ihre Empfehlung dokumentieren und sich möglicherweise später dafür rechtfertigen.

Unterlassen sie eine Therapie und der Patient erleidet eine Komplikation, kann ihnen vorgeworfen werden, nicht alles medizinisch Mögliche getan zu haben. Verordnen sie dagegen eine leitliniengerechte Behandlung, sind sie formal meist auf der sicheren Seite – selbst wenn der individuelle Nutzen überschaubar bleibt.

Untersuchungen zur sogenannten defensiven Medizin zeigen, dass die Sorge vor Beschwerden, Ermittlungen oder Haftungsansprüchen medizinische Entscheidungen tatsächlich beeinflussen kann. Dazu gehören zusätzliche Untersuchungen, Überweisungen und Behandlungen, die nicht ausschließlich aus medizinischer Notwendigkeit erfolgen.

Der Arzt behandelt dann nicht nur den Patienten… Das „System“ behandelt gewissermaßen den Arzt mit. Hinzu kommt ein psychologischer Unterschied: Wer einem anderen Menschen einen Rat gibt, konzentriert sich stärker auf das messbare Therapieziel, etwa eine niedrigere Rückfallquote oder eine bessere Überlebenswahrscheinlichkeit.

Wer für sich selbst entscheidet, denkt zusätzlich an den Alltag: Kann ich mit den Nebenwirkungen arbeiten? Wie stark beeinträchtigt mich die Behandlung? Wie lange muss ich sie durchführen? Was geschieht, wenn ich zunächst abwarte? Kann ich später noch umsteigen?

Auch Ärzte sind vor solchen unterschiedlichen Gewichtungen nicht geschützt. Die Forschung zeigt gerade nicht, dass Ärzte immer rational und Patienten immer emotional entscheiden. Beide Seiten haben Werte, Ängste und blinde Flecken.

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Die Frage muss genauer gestellt werden

Die bloße Frage „Würden Sie das selbst nehmen?“ reicht deshalb nicht immer aus.

Ein Arzt kann ehrlich mit „Nein“ antworten, weil seine persönliche Situation anders ist. Er kann aber auch mit „Ja“ antworten, obwohl der Nutzen für den konkreten Patienten gering ist.

Besser sind folgende Fragen:

Wie groß ist mein persönlicher Nutzen?
Nicht nur relativ, sondern in absoluten Zahlen. Wie viele von 100 vergleichbaren Patienten profitieren tatsächlich?

Welches konkrete Ziel soll das Medikament erreichen?
Beschwerden lindern, einen Laborwert verändern oder nachweislich schwere Erkrankungen und Todesfälle verhindern?

Wie lange muss ich es einnehmen?
Für einige Tage, mehrere Monate oder möglicherweise lebenslang?

Welche häufigen Nebenwirkungen treten im Alltag auf?
Nicht nur die seltenen Katastrophen aus dem Beipackzettel, sondern Müdigkeit, Schwindel, Muskelschmerzen, Verdauungsprobleme, Schlafstörungen und sexuelle Beschwerden.

Was geschieht, wenn ich zunächst abwarte?
Ist sofortiges Handeln notwendig oder kann man erst Ernährung, Bewegung, Schlaf, Stressregulation oder andere Ursachen angehen?

Welche Alternativen gibt es?
Dazu gehören andere Medikamente, eine niedrigere Dosierung, nichtmedikamentöse Verfahren und – sofern vertretbar – zunächst gar keine Behandlung.

Wie sieht der Ausstieg aus?
Wann wird überprüft, ob das Medikament noch nötig ist? Kann es problemlos abgesetzt werden oder muss es langsam ausgeschlichen werden?

Und schließlich:

„Würden Sie sich unter exakt meinen Voraussetzungen genauso behandeln lassen – und weshalb?“

Der zweite Teil ist entscheidend. Nicht das Ja oder Nein ist besonders aufschlussreich, sondern die Begründung.

Ein guter Arzt muss diese Fragen aushalten

Ein Patient, der nachfragt, ist nicht schwierig. Er nimmt lediglich sein Recht auf eine informierte Entscheidung wahr. Ein guter Arzt wird nicht beleidigt reagieren. Er wird Nutzen und Risiken erklären, Unsicherheiten benennen und zugeben, wenn es mehrere vernünftige Möglichkeiten gibt. Leider höre ich von meinen Patient meist etwas ganz anderes…

Misstrauisch werde ich auch, wenn eine Therapie als „alternativlos“ dargestellt wird, Nebenwirkungen angeblich kaum vorkommen und auf jede kritische Frage nur der Satz folgt: „Das steht so in der Leitlinie.“

Leitlinien können hilfreich sein… aber sie sind aber keine Gebrauchsanweisung für einen beliebigen Durchschnittsmenschen. Der Durchschnittspatient existiert nur in statistischen Berechnungen. Im Behandlungszimmer sitzt immer ein konkreter Mensch mit einer konkreten Vorgeschichte. Mehr zu diesem Problem finden Sie in meinem Beitrag Medizinische Leitlinien – Warum ich mich weigern würde nur nach diesen behandelt zu werden…

Mein Fazit

Die Frage, ob ein Arzt seine eigene Therapieempfehlung auch selbst befolgen würde, ist keine wissenschaftliche Methode. Sie ersetzt weder eine Diagnose noch eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung. Denn Studien zeigen deutlich: Ärzte entscheiden für sich selbst tatsächlich häufig anders als für ihre Patienten. Nicht immer, weil sie es besser wissen. Nicht immer, weil die empfohlene Behandlung schlecht wäre. Aber oft, weil sie als Betroffene Nebenwirkungen, Lebensqualität, Unsicherheit und persönliche Werte anders gewichten.

Genau diese Überlegungen stehen auch jedem Patienten zu. Medizin darf nicht darauf hinauslaufen, dass der Arzt verschreibt, der Patient schluckt und beide darauf hoffen, dass schon alles gutgehen wird. Eine Verordnung ist der Beginn einer Entscheidung und nicht deren Ende.

Dennoch: setzen Sie verordnete Medikamente dennoch niemals eigenmächtig ab. Gerade Blutdruckmittel, Psychopharmaka, Kortisonpräparate, Betablocker, Säureblocker und verschiedene Schmerzmittel können beim abrupten Absetzen erhebliche Beschwerden oder gefährliche Gegenreaktionen auslösen. Man muss also wissen was man tut…

Weiterführend empfehle ich meine Beiträge:

Und machen wir uns nichts vor: Ärzte sind auch nur Menschen. Und so kommt es leider auch zu einer sehr unschönen Statistik: Ärzte – Alkoholiker, medikamentenabhängig und übergewichtig.

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Kleine Anmerkung: Die Sache mit den „5 Wundermitteln“ ist mit Abstand der beliebteste Newsletter, den meine Patienten gerne lesen…

Dieser Beitrag wurde von mir im Jahr 2009 erstmalig veröffentlicht und letztmalig am 22.7.2026 vollständig überarbeitet.

Die Überschrift ist provokativ – das ist klar. Wenn man sich aber einige Fakten anschaut, dann kann man nur hoffen, dass dies keine gewollte Kausalität ist.

Worum geht es? Es geht zunächst um süchtig machende, verschreibungspflichtige Medikamente. Ich hatte bereits über Opioide als legale Einstiegsdrogen berichtet, deren Legalität dadurch gewährleistet ist, dass man sie als „Schmerzmittel“ wie die Kamellen im Kölner Karneval verschreibt: Opioide – Der Nummer 1 Killer für alle unter 50.

Doch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten sollen die Opioide auch vom legalen Weg abgekommen und auf dem Schwarzmarkt gelandet sein. Dafür haben offensichtlich die Pharma-Unternehmen gesorgt. Wie anders ist es zu erklären, dass McKesson und Cardinal Health 12,3 Millionen Einzeldosen an eine Dorf-Apotheke in Mount Gay-Shamrock (kaum 1.800 Einwohner) geliefert haben? Und 9 Millionen Opioid-Tabletten erhielt das 400-Seelen-Städtchen Kermit/West Virginia in nur 2 Jahren.

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Manche Wahrheiten sollte man im Fernsehen nicht verpassen, so wie die folgende Dokumentation „Das Pharmakartell“ von der Redaktion von Frontal21, ausgestrahlt im Dezember 2008 in ZDF INFO.

Sehen Sie, wie Staatsanwaltschaften ins Leere laufen, Menschen bedroht und Redaktionen „gekauft“ werden, sowie gefährliche Medikamente in den Markt „gedrückt“ werden…

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Ich erinnere mich noch sehr gut daran, als die ersten Patienten um die Jahrtausendwende herum zu mir in die Praxis kamen, die das „neue“ Schmerzmittel Vioxx bekommen hatten. Deren Schmerzen waren auch erst einmal tatsächlich besser.

Aber nach einigen Wochen und Monaten beobachtete ich bei über 50% der Patienten Symptome, die ich mir erst einmal überhaupt nicht erklären konnte. Symptome die für die „normalen“ Krankheitsverläufe sehr merkwürdig erschienen und auch auf die „naturheilkundliche“ Therapie nicht ansprachen. Gegen Mitte / Ende 2000 war mir klar: das musste das Vioxx sein.

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Das Thema ist eigentlich seit Jahren bekannt. Verschiedene Medien (u.a. Süddeutsche Zeitung), sowie der Verein: „Coordination gegen BAYER-Gefahren“ machen seit einigen Jahren auf das Risikopotential der „Pille“ aufmerksam.

Betroffen scheinen zu sein: Maxim, Aida und Petibelle (Produkte der Bayer Tochter Jenapharm) sowie die Antibabypillen: Yaz, Yasmin und Yasminelle direkt aus dem Hause Bayer. Neben der klassischen Indikation der Empfängnisverhütung werden die künstlichen Hormone auch zur Linderung von Menstruations-Beschwerden verordnet (Prämenstruelles Syndrom: PMS).

Zunehmend wird jedoch klar, dass die synthetischen Botenstoffe (Gestagine) im Körper teils andere Signale auslösen als die biologischen Hormone. Die Wirkstoffe in den Präparaten binden nicht nur an die Testosteron- und Progosteron-Rezeptoren, sondern auch an weitere Rezeptoren.

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