{"id":1213,"date":"2012-02-13T14:43:29","date_gmt":"2012-02-13T12:43:29","guid":{"rendered":"https:\/\/naturheilt.com\/blog\/?p=1213"},"modified":"2023-10-02T19:22:14","modified_gmt":"2023-10-02T17:22:14","slug":"wenn-wiki-einen-watcher-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/naturheilt.com\/blog\/wenn-wiki-einen-watcher-hat\/","title":{"rendered":"Wenn Wiki einen Watcher hat"},"content":{"rendered":"<p>Wikipedia, das Online-Nachschlagewerk, wurde vor \u00fcber 10 Jahren ins Leben gerufen. F\u00fcr die deutsche Version gibt es nun seit etwas \u00fcber einem Jahr ein &#8222;Wiki-Watch&#8220;, einen Beobachter, der von einem Journalismus-Professor aus Frankfurt an der Oder ins Leben gerufen wurde. Dieser Professor, Prof. Dr. Wolfgang Stock, w\u00fcnschte sich scheinbar nichts sehnlicher, als das deutsche Wikipedia zu verbessern. Eigens zu diesem Zweck eilte er Wikipedia zur Hilfe und lieferte eigene Beitr\u00e4ge und Korrekturen \u2013 in Medizinartikeln(!). Ja, es ist schon seltsam, wenn Journalisten anfangen, sich medizinisch zu bet\u00e4tigen, auch wenn sie Professoren sind.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Aber unser Professor hatte dann auch die richtige Ausrede parat: &#8222;<em>Warum habe ich im April 2009 einen Artikel \u00fcber ein Insulin angelegt und an anderen editiert? Weil ich von Diabetes ganz pers\u00f6nlich betroffen bin. Meine Gro\u00dfmutter hat enorm darunter gelitten, Freunde auch. Damals war das Thema in der Presse. Da habe ich die WP-L\u00fccken mit meinem bescheidenen Wissen geschlossen.<\/em>&#8220; Na prima!<\/p>\n<p>Wenn er damals schon die enormen Wissensl\u00fccken der Mediziner h\u00e4tte schlie\u00dfen k\u00f6nnen, dann h\u00e4tten seine Gro\u00dfmutter und Freunde nicht so sehr leiden m\u00fcssen. Und ein Professor ben\u00f6tigt auch nur \u201ebescheidenes Wissen\u201c, um damit null-Komma-nix eklatante L\u00fccken zu schlie\u00dfen, die von den Fachleuten all die Jahre zuvor nicht zu schlie\u00dfen waren. <strong>So weit unsere sch\u00f6ne professorale M\u00e4rchenstunde.<\/strong><\/p>\n<p>Die Realit\u00e4t sieht indes deutlich d\u00fcsterer aus. Hier hat Herr Stock n\u00e4mlich nachweisbar unter verschiedenen Pseudonymen in Wikipedia bestimmte Medizinartikel ver\u00e4ndert, trat unter \u201eWsto\u201c und \u201eInvestor\u201c auf. So getarnt als eine Art &#8222;Wiki-Zorro&#8220; k\u00e4mpfte er fortan f\u00fcr das Wohlergehen einer Pharmafirma, Sanofi-Aventis, indem er die Artikel in Wikipedia zu deren Gunsten ver\u00e4nderte und zusammenstrich.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich stellt man sich sofort die Frage, warum ein Journalist ein solch gediegenes Interesse an einer Pharmafirma hat. Die Antwort lautet: Weil Herr Stock gleichzeitig zu seiner Professur in Frankfurt im Osten eine Agentur namens Convincet f\u00fcr \u201eKrisen-PR \u201c betreibt und Sanofi sein zahlender Kunde ist. Und Sanofi ist ein Insulinhersteller. Aber an dieser Stelle stellt sich eine weitere Frage: Warum braucht Sanofi die Sch\u00fctzenhilfe des Professors? Die Antwort: Lantus ist ein Produkt der Firma Sanofi und wird als Insulinanalogon bei der Diabetesbehandlung eingesetzt.<\/p>\n<p><strong>Wer oder was ist Lantus?<\/strong><\/p>\n<p>Lantus ist der Handelsname f\u00fcr Insulin glargin von der Firma Sanofi-Aventis. Dies ist ein Insulinanalogon und wird bei Diabetes Typ-1 und Typ-2 eingesetzt. Es z\u00e4hlt zu den sogenannten Basal-Insulinen, die eine lange Halbwertszeit besitzen und dementsprechend lange wirksam sind. Der Wirkstoff wird aus genetisch ver\u00e4nderten Mikroorganismen gewonnen und unterscheidet sich nur geringf\u00fcgig von k\u00f6rpereigenem Insulin. Unter allen Verz\u00f6gerungsinsulinen hat es die l\u00e4ngste Halbwertszeit und wird somit deutlich langsamer vom Organismus aufgenommen. Dies erm\u00f6glicht oft eine Einmalgabe. Das Protein Insulin glargin wirkt, indem es sich an Insulinrezeptoren bindet und durch deren Aktivierung die Glukosespiegel senkt. Die Bindung an die Rezeptoren f\u00e4llt dabei deutlich st\u00e4rker aus als die von k\u00f6rpereigenem Insulin. Die Substanz wird subkutan (unter die Haut) appliziert.<\/p>\n<p><strong>Warum die Aufregung?<\/strong><\/p>\n<p>Das Pr\u00e4parat ist schon seit dem Jahr 2000 auf dem Markt. 2009 jedoch ver\u00f6ffentlichte das IQWiG (Instituts f\u00fcr Qualit\u00e4t und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) unter <a href=\"https:\/\/naturheilt.com\/blog\/das-bundesgesundheitsministerium-freund-der-pharmaindustrie\/\">Peter Sawicki<\/a> eine umfangreiche Analyse der bereits vorliegenden Studien und kam zu dem Schluss, dass das Pr\u00e4parat bei der Behandlung des Diabetes Typ-2 keine Vorteile im Vergleich zu \u00e4lteren Pr\u00e4paraten vergleichbarer Natur hat. So konnte die Substanz keine Verbesserung von Mortalit\u00e4t, Blutzuckereinstellung, <a href=\"http:\/\/www.yamedo.de\/krankheiten\/augenkrankheiten\/diabetische-retinopathie.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Retinopathien<\/a> (Augenhintergrunderkrankung) oder Anzahl von Krankenhausaufenthalten erzielen. Einziger Vorteil von Lantus war die geringere Wahrscheinlichkeit von <a href=\"http:\/\/www.naturheilt.com\/Inhalt\/Hypoglykaemie.htm\">Hypoglyk\u00e4mien<\/a>.<\/p>\n<p>Offenbar hat diese schm\u00e4hliche Expertise des Sawicki-Teams Professor Stock veranlasst, an seine Gro\u00dfmutter zu denken und mit der \u00c4nderung von Sanofi-Seiten und vor allem von IQWiG-Seiten auf Wikipedia zu beginnen. Laut \u201eSpiegel\u201c hat er damals systematisch \u201e<em>Wikipedia-Artikel \u00fcber den Pharmakonzern Sanofi-Aventis und sein Analoginsulin Lantus besch\u00f6nigt. Au\u00dferdem \u00fcberzog Stock das unabh\u00e4ngige Medizin-Pr\u00fcfinstitut IQWiG ebenso mit Kritik wie dessen damaligen Leiter Peter Sawicki.<\/em>\u201c<br \/>\nSo \u201everbesserte\u201c er bescheiden als \u201eWsto\u201c im April und Mai 2009 gleich 10-mal Sanofi-Artikel in Wikipedia, 23-mal IQWiG-Artikel und 2-mal Sawicki-Artikel. Dazu kamen noch 7 \u00dcberarbeitungen des Lantus-Artikels und einen Artikel \u00fcber seinen au\u00dferuniversit\u00e4ren Br\u00f6tchengeber Chris Viehbacher, der CEO von Sanofi. Wenn das seine Gro\u00dfmutter noch miterleben durfte!<\/p>\n<p>Im Juni 2009 allerdings kommt es noch schlimmer: Die Tagesthemen lassen vermelden, dass Lantus m\u00f6glicherweise <a href=\"http:\/\/www.naturheilt.com\/Inhalt\/Krebs.htm\">Krebs<\/a> erregen kann. Auch hier gibt es wieder einen Tsunami an medizinwissenschaftlichen Studien, die alle das beweisen, was sie beweisen wollen. Die einen sehen ein erh\u00f6htes Risiko im Vergleich zu Humaninsulin, die anderen k\u00f6nnen nichts entdecken. Und wenn die Herren Mediziner schon keinen gemeinsamen Nenner finden k\u00f6nnen, dann schreit das doch f\u00f6rmlich nach einem Einschreiten von professoralem Journalismus! W\u00e4hrend Sanofi sich bei den \u201eTagesthemen\u201c wegen der Ausstrahlung beschwerte, ging Herr Stock den steinigeren Weg. Er beschwerte sich beim Presserat des \u201eSpiegels\u201c, denn der hatte ebenfalls eine Lantus-Studie von IQWiG-Autoren zitiert.<\/p>\n<p>Und um das Fass dann endg\u00fcltig \u00fcberlaufen zu lassen, hat der Professor geschickterweise das gemacht, was gegen die Wikipedia Etikette verst\u00f6\u00dft: einen \u201eSockenpuppen-Einsatz\u201c. Darunter versteht man die Nutzung mehrerer Namen, die \u201eSockenpuppen\u201c, um den Eindruck zu erwecken, dass nicht nur der Herr Professor, sondern auch noch andere der gleichen Meinung sind. Da die Wikipedia-Administratoren sich nicht von Herrn Stocks vehementen Dementis \u00fcberzeugen lie\u00dfen, sind beide Pseudonyme seit Mitte 2011 bei Wikipedia gesperrt, wegen \u201emissbr\u00e4uchlichem Sockenpuppen-Einsatz\u201c.<\/p>\n<p><strong>Der Krisenberater in der Krise<\/strong><\/p>\n<p>Professor Stock behauptet fest, dass er den Namen \u201eInvestor\u201c nie benutzt habe und damit auch kein \u201eSockenpuppen-G\u00e4ngster\u201c ist. Dummerweise ver\u00f6ffentlichte er einen Eintrag auf seiner Facebook-Seite, wo er zugibt, einen Artikel zum Thema Insulin angelegt zu haben. Der Insulinartikel auf Wikipedia \u00fcber Lantus aber ist nicht von \u201eWsto\u201c sondern von \u201eInvestor\u201c angelegt worden. Komisch. Diese \u201eKomik\u201c oder Teile davon scheinen bei seinem universit\u00e4ren Br\u00f6tchengeber angekommen zu sein. Denn hier hatte er eine eidesstattliche Erkl\u00e4rung abgegeben, dass er, seitdem er Leiter von Wiki-Watch an der Universit\u00e4t Frankfurt Oder sei, keine Wikipedia-Artikel geschrieben oder bearbeitet hat. \u201eInvestor\u201c hat aber ungeachtet dessen seit Bestehen von Wiki-Watch kr\u00e4ftig weiter geschrieben und korrigiert. So z.B. auch \u00fcber eine Firma namens \u201eMedia Tenor\u201c. Und was hat die mit Professor Stock oder \u201eInvestor\u201c zu tun? Bei dieser Firma war Herr Stock einst Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer. Seltsame Zuf\u00e4lle\u2026<\/p>\n<p>Und es kommt, wie es kommen musste. Der Chef von Professor Stock, Herr Wolff Heintschel von Heinegg, Leiter des Lehrstuhls f\u00fcr \u00d6ffentliches Recht, gab Herrn Stock eine Frist bis Ende August 2011, diese Ungereimtheiten auszur\u00e4umen oder sei ist Schluss mit Wiki-Watchen. Und so wurde dann auch im September in einer sehr vage gehaltenen Pressemitteilung verk\u00fcndet, dass Herr Stock sich aus der Leitung des &#8222;Wiki Watch&#8220;-Projektes zur\u00fcckziehe. Die Universit\u00e4t hatte offenbar keine Lust, ihren Ruf zu Gunsten der Stock\u00b4schen Spielchen aufs Spiel zu setzen. Er ist jedoch weiterhin Teil des Teams und Lehrbeauftragter an der Europa-Universit\u00e4t Viadrina.<\/p>\n<p>Doch die ganze Aff\u00e4re ist auch ein Lehrst\u00fcck daf\u00fcr, dass einmal geschriebenes Wort sich im Internet schlecht zur\u00fcckziehen l\u00e4\u00dft: Nachdem die Herren von &#8222;Wiki Watch&#8220; gegen FAZ und Zeit einstweilige Verf\u00fcgungen erwirkten, wurden die Artikel zun\u00e4chst vom Netz genommen. Zahlreiche Blogger, Journalisten und Internetaktive hatten den Text jedoch l\u00e4ngst gesichert und zum Beispiel per Datendiensten wie Dropbox weiter verteilt, so dass weiterhin auf Kan\u00e4len wie Foren, Twitter oder bei Facebook weiter \u00fcber das Thema diskutiert werden konnte. Wiki-Watch ist weiterhin online, erkl\u00e4rt die Wikipedia sowie den Umgang mit ihr und bietet sogar direkte Hilfe an, wenn man sich oder seine Firma bei Wikipedia in einem schlechten Licht dargestellt sieht. Praktischerweise auch gleich mit Link zu einer Website namens &#8222;Presserecht.de&#8220;, die von der Rechtsanwaltskanzlei Dr. Johannes Weberling betrieben wird &#8211; dem aktuellen Leiter von Wiki-Watch.<\/p>\n<p><strong>\u00dcbrigens: Wenn Sie solche Informationen interessieren, dann fordern Sie unbedingt meinen kostenlosen Praxis-Newsletter &#8222;Unabh\u00e4ngig. Nat\u00fcrlich. Klare Kante.&#8220; dazu an:<\/strong><br \/>\n<script type=\"text\/javascript\" src=\"https:\/\/rene-graeber.de\/view_webform_v2.js?u=v9&#038;webforms_id=pL1KE\"><\/script><\/p>\n<p>Beitragsbild: pixabay.com &#8211; geralt<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wikipedia, das Online-Nachschlagewerk, wurde vor \u00fcber 10 Jahren ins Leben gerufen. F\u00fcr die deutsche Version gibt es nun seit etwas \u00fcber einem Jahr ein &#8222;Wiki-Watch&#8220;, einen Beobachter, der von einem Journalismus-Professor aus Frankfurt an der Oder ins Leben gerufen wurde. 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