Tamiflu – Begehrt, aber wirkungslos?

Tamiflu in aller Munde: Nicht nur die Angst vor der Schweinegrippe (siehe mein Bericht Die Grippe Lüge) sorgt für eine nach wie vor ungebrochene Nachfrage nach diesem Medikament.


Doch exakt hier liegt ein Problem: Nach der freizügigen Vergabe von Tamiflu haben sich Virenmutationen entwickelt, die nicht mehr auf den Wirkstoff Oseltamivir ansprechen. Des Weiteren stellte man fest, dass Tamiflu bei vielen Patienten eigenartigerweise nicht gleich zu Beginn, sondern im Verlauf der Behandlung nicht mehr zu wirken schien.

In einigen Fällen wurde sogar eine Resistenz des Schweinegrippe-Virus A/H1N1 verzeichnet, bei Patienten, die man nicht mit Tamiflu behandelt hatte: Vor Grippeviren mit Oberflächenstrukturen, die sich immer schneller ändern, müssen Grippemittel kapitulieren. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit gelten saisonale Influenzaviren des Typs H1N1 aufgrund der Mutation des Neuraminidaseproteins H274Y als nahezu vollständig resistent gegen das einstige Wundermittel Tamiflu.

Welche Folgen sind bei Mutationen des Pandemie-Virus A/H1N1 zu erwarten?

Und was passiert, wenn Millionen Menschen weltweit zeitgleich mit Tamiflu behandelt würden?

Bereits 2007 stellte sich der Wissenschaftler Andrew Singer vom Zentrum für Ökologie und Gewässerforschung, Universität Oxford, angesichts der Bedrohung durch das Vogelgrippevirus H5N1 diese Frage.

Singer interessierte sich für die ökologischen Folgen für das Oberflächenwasser. Schließlich werden über 80 Prozent des Mittels nicht verwertet, sondern als kläranlagenresistentes Oseltamivircarboxylat (OC) ausgeschieden und gelangen (laut Untersuchungen an der schwedischen Universität Umea) schließlich in Abwässer, Flüsse und Seen.

Sinnvolle Nachrüstungen der Klärwerke mit dem das OC angreifenden Ozon gelten derzeit leider als zu kostenintensiv. Da Wasservögel Grippeviren tragen, die Resistenzen entwickeln und schließlich ausgeschieden werden, ist es nur ein kleiner Schritt, bis sich Menschen anstecken. Für den Fall einer Grippewelle fehlten daher wirksame Mittel.

Japanische Wissenschaftler (Kyoto) stellten schon während der normalen Wintergrippewelle von Ende 2008 bis Anfang 2009 hohe OC-Konzentrationen in Klärwerksabwässern und Flüssen fest (vgl. „Environmental Health Perspectives“, G. Gosh).

Doch Wissenschaft und Pharmaindustrie haben das Problem der Belastung der Umwelt und Gefährdung für den Menschen durch hochkonzentrierte Abbauprodukte nicht nur von Influenzamitteln, sondern auch Medikamenten wie Antibiotika, Schmerzmitteln und Hormonpräparaten bisher großräumig ausgeklammert. Seit 2004 lieferte der Schweizer Konzern Roche Tamiflu für über 220 Millionen Behandlungen und die umfangreiche Prophylaxe von Kontaktpersonen in 96 Länder der Erde.

Für 2009 rechnet das Unternehmen hier mit Tamiflu-Gesamteinnahmen von 1,7 Milliarden Euro, bei einem um satte neun Prozent gestiegenen Gesamtumsatz des Roche-Konzerns (von Jahresbeginn bis September) von gut 24 Milliarden. Zuwächse von elf Prozent gehen zu fünf Prozent auf das Konto von Tamiflu.

Die Grippe Lüge

Wenig verwunderlich, dass das Prozedere hinsichtlich der Schweinegrippe sich trotz kritischer Mahnungen vieler Mediziner angesichts anzunehmender kontraproduktiver Effekte von Tamiflu als vergleichbar gestaltet: So weist die Fachzeitschrift Lancet ausdrücklich auf starke Nebenwirkungen wie Magen- und Darmbeschwerden sowie psychiatrische Auffälligkeiten bei jungen Patienten hin. Während eine offizielle britische Behörde Tamiflu im Sommer für eine gute halbe Million Behandlungen freigab, rieten unabhängige Experten vergeblich zur Bekämpfung mit einfachen, hergebrachten Mitteln.

Vergeblich deshalb, weil das 2004 teuer angeschaffte Tamiflu auch nach erfolgter Verlängerung seiner Haltbarkeitsgrenze angelangt ist und offiziell nur gegen Pandemie-Viren, nicht aber gegen saisonale Grippeepidemien eingesetzt werden darf. Die Devise heißt daher: Tamiflu so schnell wie möglich verteilen. Bevor man wertvolle, mit Steuergeldern angelegte Lagerbestände vernichtet…

Meine „Prophezeiung“: Die Grippe (egal ob Schweinegrippe oder „normale“ Grippe) kommt so oder so – trotz Impfung. Und wenn die Grippe dann da ist, werden wir in den Medien auch wieder „Tamiflu!“ hören…

Datum: Dienstag, 27. Oktober 2009
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4 Kommentare

  1. 1

    […] dass die zu Prophylaxe wie Therapie verfügbaren Mittel wie die Neuraminidase-Hemmer Oseltamivir (Tamiflu) und Zanamivir (Relenza) inzwischen ebenfalls in ihrer Wirksamkeit umstritten […]

  2. 2

    […] horteten die Gesundheitsministerien der Bundesländer Grippemittel wie Tamilflu und Relenza, deren Wirksamkeit gegen Schweinegrippe nicht belegt sei. Diese antiviralen Medikamente […]

  3. Heilige Mutter Pharma … « TomWingo's Lauf BLOG
    Donnerstag, 20. Januar 2011 9:05
    3

    […] Das Zaubermittel Tamiflu, sollte uns im Fall der Fälle vor dem sicheren Verderben bewahren. Auch die Namensgebung für das Medikament kommt aus dem Reich der Phantasie: Tami für das englische Verb „to tame“, was „zähmen“ heißt und „flu“ steht für „flunkern“. . . `Tschuldigung. . . für „Grippe“ natürlich. Jedenfalls:  Bereits 2009 schrieb ich in diesem Blog hier: Tamiflu – begehrt, aber wirkungslos. […]

  4. 4

    […] in der Lage ist, die Vermehrung von Viren zu unterbinden. Es wurde dann auch als Ausgangsstoff für Tamiflu genommen. Es wirkt schleimlösend, was sich günstig bei Bronchitis bemerkbar macht. Zur Vorbeugung […]

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